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Chaos im Alltag

Handschriften

Zu Handschriften geht eines der Seminare dieses Semesters. Endlich mal lesen lernen! Das ist doch etwas für Literaturwissenschaftler. Und dann immer auch noch ein bisschen versuchen, genetische Rekonstruktionen herzustellen, so richtig handfestes Zeugs mit psychoanalytischem Potenzial.

Aber die Abgründe der Entstehung dieser Handschriften interessieren ja nur die Auditoren, die’s im Seminar nicht gibt. Und weil die Kurrentschrift bei jedem Autor anders aussieht, so war das mit Handschriften eben, lesen wir uns bei verschiedenen ein: Walser, Goethe, Heine.

Das schöne daran: Nach der Knobelei stehen nicht ausgefüllte Kreuzworträtsel oder Sudokus, sondern Texte, an denen wir uns nach dem Entziffern erst recht die Zähne ausbeissen.

Damals nannte man das noch Philologie.

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Chaos im Alltag

Tituliert

Seit letzter Woche darf ich mich nun offiziell mit dem Discountertitel Bachelor of Arts UZH schmücken. Dass das etwas mit Discounter zu tun hat, hat man uns am Anfang des Studiums noch nicht gesagt. Wenn das Studium schon zum Punktesammeln wird, muss der Festredner sich in der Abschlussrede wohl dieses sprachlichen Registers bedienen.

Ein Apéro einzig und allein für uns, die Bachelors und die Masters, die abgeschlossen haben. Eine Feier im grossen Lichthof der Universität, wo in den letzten Jahren getrunken, wo gegessen, gearbeitet, geschwitzt, wo geschwatzt und Zeit vertrödelt wurde, wo der jährliche Aderlass stattfand, wo weiche Knie kuriert, und wir uns unter Nike von Samothrake die interessantesten Thesen um die Ohren schlugen.

Kurz vor der Feier habe ich alle Seminararbeiten aus den Ordnern rausgesucht und aufeinander gestapelt. So ist ein Stapel zum Vorschein gekommen, von dem ich nicht gedacht hätte, dass der so gross sein würde.

Und die Listen, die da in diesem Diplom enthalten sind, einmal auf Deutsch mit zwei Siegeln, einmal Englisch ungesiegelt, Leistungsnachweise nach Fächern aufgeteilt und zum Schluss noch sechsundzwanzig Punkte, die nirgends angerechnet werden konnten. Listen, die nachprüfbar machen sollen, welche Leistungen erbracht wurden. Einmal 4 ECTS, einmal 10 ECTS, einmal 8 und 2 und 3.

Die Sammelei muss weitergehen.

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Zeigen Sie Zähne

«Beissen Sie auf die Zähne! Ja, so ist schön, bleiben Sie jetzt genau so und bewegen Sie sich nicht mehr.» – Wie denn auch in dieses Gestell eingespannt? Stäbe fixieren die Ohren, ein weiteres Element die Stirn, der Unterkiefer, die Mandibula bleibt beweglich, und um den geht es ja schliesslich.

Beim zweiten Mal haben sie den Auftrag bekommen, ein Bildlein zu machen in geöffnetem Zustand. Der Orthopäde mit Doktortitel und mehrfachem Fähigkeitsausweis hilft seiner Röntgenassistentin, die richtige Position zu finden: «Öffnen Sie Ihren Mund so weit wie möglich. Und: Zeigen Sie Ihre Zunge, die muss so weit runter wie es nur geht! So wird’s schön, ja genau.» Und Sie, Sie bewegen sich jetzt nicht, sonst können wir das Bild nicht brauchen.

«Nein, sowas verstehen wir nicht als offen, das ist ja völlig unbrauchbar. Offen ist Ruhestellung! So offen sollte man nicht sein.»

Ein drittes: «Schlucken Sie! Jetzt ist die Zunge schön entspannt. Passen Sie auf die Zähne auf, die dürfen Sie nicht zusammenbeissen.»

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Papierne Existenz

«Sie können Sich nicht ausweisen? Bitte füllen Sie das Formular aus. Wir telefonieren, dann stellt sich heraus, ob es Sie gibt.» Im nächsten Moment drückt der Kontrolleur seinem Opfer das Blöcklein mit den Möglichkeiten Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer und Unterschrift in die Hand. Es gibt keine Vorschläge, wie es sein Formular ausfüllen könnte. Nur eine Einschränkung, ganz am Schluss, mit der es bestätigt, dass die Angaben der Richtigkeit und Wirklichkeit entsprächen.

Am Telefon krächzt der andere das Geburtsdatum in den Zugraum: «Fünfzehnter Siebter Neunzehnachtundachtzig. Normannstanne, Orangenblüte, Tamiflu, Zahnpaste.»

«Sie gibt es wirklich.»

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Taktile Tage

Da läuft man am Morgen einer Frau hinterher, die ganz – entgegen dem Trend – am Morgen die Natur taktil erfährt: Hier streichelt sie Gras, da sucht sie eine Lindenblüte auf der Strasse zusammen. Und dies während alle anderen ganz tiefsinnig ihre Telefontasten berühren.

Man könnte es auch selbst ausprobieren: Mit der Hand durchs Gras streifen und Telefontasten hinter sich lassen. Aber nein: das löst die Pollen, vor denen man ja in die Stadt geflüchtet ist. Oder Lindenblüten auflesen. Warum denn auch? – Man kann sie auch ganz einfach im Teebeutel bekommen, ohne dafür noch seinen Finger zu rühren.

Am Abend schaut man dann dem neuen Dirigenten zu, wie er seinen Taktstock schwingt, und hört ihn sogar atmen, genauso wie die erste Geige, vor der einem Angst und Bange wird: Beim Abbau der Spannung wirft er mit dem Geigenbogen wild um sich, als ob er das Publikum zur Geige machen wollte.

In der Zwischenzeit berührt man verschiedene Tastaturen, eingebaute, drahtlose, verkabelte und besonders ergonomische, um den letzten Takt des Wochenendes anzugeben, dessen Thema sein soll, dem Ende einen Anfang zu bereiten.