Die Welt ohne den Tod

Wie es wäre, in einer Welt zu leben, die keinen Tod kennt, beschreibt José Saramago in seinem Buch «Eine Zeit ohne Tod». Das Buch ist äusserst empfehlenswert, gerade auch dann, wenn man sich – wie so viele Menschen in unseren Breitengraden – ewig zu leben wünscht. Dass die Resultate, die bei diesem Experiment herauskommen würden, alles andere als erfreulich sind, zeigen die anekdotischen Gedanken. Mehr dazu aber in meinerBesprechung des Buches bei Tink.ch.

Von der Lektüre dieses Buches zurückgekehrt in die normale Welt, gilt es, schon wieder die Koffer packen und diesmal statt auf eine Gedankenreise, selbst einen Weg unter die Füsse zu nehmen. Auch dieser Weg soll nicht ohne Bücher gemacht werden, es wäre ja schade, wenn man mit dieser Reise nicht irgendwelche Lektüren in Verbindung bringen könnte.

Eines der Begleiter soll Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» sein, von dessen Aufführung im Pfauen ich hellbegeistert war, vor allem von den Bauchrednerpuppen. Erstaunt war ich vor allem über die schlechten Rezensionen in einigen Feuilletons und anderen Magazinen, aber vielleicht werde ich auch noch nachträglich enttäuscht sein, wenn ich das nette Reclam-Büchlein gelesen haben werde.

Ausserdem soll auch Stefan Zweigs «Die Welt von Gestern» mitkommen. Dass ich beide Bücher lesen werde, glaube ich kaum, aber es ist immer schön zu wissen, etwas für den Fall der Fälle dabeizuhaben. Wahrscheinlich kommt es ja wieder so heraus wie im Sommer in den Segelferien, dass ich im Zug lieber die Augen zudrücke (hätten die Kondukteure bei den Leuten, die gestern kein Anschlussbillet für eine Zone hatten übrigens auch tun können!) oder mit den Mitreisenden gute Unterhaltungen führen.

Meinen Lesern und Leserinnen wünsche ich ganz schöne Ostern. Die Kommentarfunktion wird nur eingeschränkt verfügbar sein, dies um einerseits Spam, anderseits aber auch anderen Kommentaren, die nicht den Umgangsformen entsprechen, die in einer zivilisierten Gesellschaft erwünscht sind, vorzubeugen. Ich bitte, die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen!

Von der Passion zum passionierten B. (101)

Ein gestürzter B. im Wald. Nein, es geht nicht etwa um die Bäume, die im Eschenbergwald gefällt werden, damit sie verheizt werden können. Die verheizten Topkader sind im Wald viel zahlreicher anzutreffen als rollende Bäume. Sie rollen mit ihren teuren Velos die tauenden Wege hinunter, damit die Kleider – irgendein synthetisches Fabrikat wohl – möglichst dreckig werden, und man zu sehen fähig ist, was sie angestellt haben. Manchmal auch im Status eines Gestürzten, einige haben das Glück, dass ihnen der Stuhl abgesägt wird, bevor es zum natürlichen Fall kommen würde. Der Sturz sei dann kontrollierter, wie man Förstern entlocken könnte, wenn man sie denn fragen würde.

Der Platz, den ein Baum nach seinem Sturz einnehmen wird, ist wohl schon vorbestimmt. Manch einer wird gehäckselt, damit eine Holzschnitzelheizung das Beste aus dem kränkelnden oder nicht mehr verwendbaren Objekt machen kann: Recycling, damit der Verwesungsprozess nicht eintritt.

Was aber macht der gefällte Topkader-Platzhirsch, nachdem ihm der Stuhl abgesägt worden, und er erst noch vom Bike geflogen ist? Häckseln und Schnitzelheizung für die fach- und sachgerechte Entsorgung, die erst noch umweltfreundliches Heizen und Wärme für einen ganzen Winter bedeutet? Das Leiden des Bikers wäre eindeutig (wenn nicht sogar eineindeutig) zu gross. Schliesslich hat er sich doch auch schon beim Velofahren schwere Schürfwunden zugezogen, die einer mühseligen Heilung bedürfen, die Passionsgeschichte, also die Geschichte seines Leidens, braucht nicht noch dramatisiert zu werden.

Das regionale Arbeitsvermittlungszentrum wird ihm eine Weile Geld für die Haushaltskasse zukommen lassen. Als Gegenleistung wird gute Vermittelbarkeit und eine bestimmte Anzahl Bewerbungen erwartet, ist ja ganz klar. Aber wie immer: Eile mit der dazugehörigen Weile.

passion

Was soll er denn in seinen Bewerbungsbriefen schreiben? Etwas Originelles hätte er doch bei den Bewerbungsbriefen abgucken können, die er bei der Auswahl, als er noch Personal einstellen durfte, jeweils fein-säuberlich geprüft hatte. Bei vielen hat da bei den Hobbys gestanden: «Passionierter Biker, geht Risiken ein.» Das klingt doch originell, und zufällig trifft es auch auf den Topkader zu, auf den alle gewartet habe. Also, entschieden, das gehört auch in die Bewerbungsunterlagen rein.

Warum aber will die Passion kein Ende haben? Wer mit soviel Passion im Wald herumfährt, sich zum Baum machen lässt und erst noch nicht einmal von Schürfwunden zurückschreckt, sollte doch belohnt werden. Wo ist die Wucht geblieben, die man bekommt, wenn man einen riesigen Berg hinunterrollt?

Dummerweise – oder für den passionierten Workaholig: glücklicherweise – haben die beiden Passionen nicht mehr viel gemeinsam: Die Passion als Leidensgeschichte wurde direkt aus dem Lateinischen entlehnt, und das schon vor einigen Jahrhunderten, die Passion, welche die Leidenschaft meint, hingegen aus dem Französischen. Wer aber auch bei Leiden-schaft noch stutzig wird, dem geht es so wie dem Verfasser dieses Textes. Das Leiden steckt ja auch im deutschen Wort noch drin.

Die Leidenschaft ist für den Ersatz des französischen passion geschaffen worden, also als Ersatz für das Wort, das ein Gefühl eines bewegten Gemütszustandes beschreibt. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man wohl zur Annahme kommen, dass sich die Bedeutung gewandelt hat von der christlichen Passion, die oft auch als einzelner Begriff das Leiden Christi beschreibt. Das Deutsche war hier aber ausnahmsweise einmal nicht wahnsinnig kreativ. Unser passionierte Biker ist also – Gott sei Dank – eher eine Ausnahme als dass er die deutsche Wortgeschichte im bildhaften Sinne demonstrieren würde. Hier lohnt sich die Frage: «Wer hat’s erfunden?»

Kartengeschichten (86)

«Bitte schieben Sie Ihre Karte gemäss Abbildung auf der Validierstation in den Einschiebeschlitz», kann man auf der Homepage der UZH Card, der neuen Legi der Uni Zürich bzw. UZH, lesen. Man soll die Karte in einen Schlitz schieben, der ganz allein fürs Einschieben gemacht wurde, da nimmt es einen Wunder, wo denn die Karte wieder rauskommt, damit das neue Leben mit der validierten UZH Card beginnen kann.

Man kann die Karte auch verkehrt hineinschieben, dann kommt sie unverzüglich wieder aus dem Einschiebeschlitz heraus, mit der Bitte, die Karte doch so einzuschieben wie abgebildet. Schön, das Gerät hilft einem Schritt für Schritt dabei, die richtigen Daten auf den Thermostreifen zu drucken.

Den haben Studentinnen und Studenten der UZH jetzt auch immer dabei: den Thermostreifen, denn die Karte ist eine für alles: Bibliotheksausweis, Legi, ASVZ-Ausweis, Chipkarte (für was dieser Chip auch immer eingesetzt werden wird? – Vielleicht für eine automatische Zeitstempelmaschine? Damit die Arbeitszeiten der Studentinnen und Studenten minutiös erfasst werden kann und die Arbeitszeiten nicht mehr mühsam mit der Uhr erfasst werden müssen? Vielleicht auch für das Essen in der Mensa? Oder doch nur als ECTS-Verwalter, damit diese Punkte, so wie bei Migros und Coop, noch ein Plastikkärtli bekommen?). Das Praktische an der Karte: Sie wird nur einmal, am Anfang des Studiums zugeschickt, danach kann der Thermostreifen beliebig oft wieder- und umbedruckt werden. Genau so wie die Thermoskanne beliebig oft wieder- und umgefüllt werden kann.

Leider hat die praktische Seite auch eine eher unpraktische Schwester: Bei Verlust der Karte wird es um die 25 Franken kosten, um die Karte ersetzen zu lassen. Der klebrige Papierstreifen war da bedeutend günstiger: Gerade mal 5 Franken kostete der Ersatz, als ich die Karte letztes Mal vermeintlich in der Mensa liegengelassen hatte. Schlussendlich fand sich die Karte wieder, sie wollte im Herbst Winterschlaf beantragen und suchte sich ein Versteck zwischen Vorlesungsskripten, wie auch immer die Karte da hingekomen sein mag.

Das gleiche Problem hatte ich mit meiner anderen Bibliothekskarte, denn die UZH Card funktioniert in Winterthurs Stadtbibliothek nicht, nur in denjenigen der ZHAW (haben die eine ZHAW Card? – dann klingt ja sogar UZH Card noch ästhetischer…). Ich wollte endlich mal fortschrittlich werden und kaufte mir eine Karte mit Chip drin. Der Chip lässt sich nämlich schon benutzen. Und dies auch für mehrere Dinge gleichzeitig: Einerseits als Benutzerausweis, den man einfach an die Maschine ranhalten kann, die Bücher auf ein Tischchen legen und schwupsidiwups sind die Bücher auf dem Konto (mit Selbstausleihe), als Ausweis für die Rückgabe, wenn man mal ausserhalb der Öffnungszeiten etwas zurückbringen möchte, als Geldkarte für den Kopierer und als Geldkarte für den Kaffeeautomaten oder den Getränkeautomaten, was will man noch mehr?

Damit wäre ich ja schon glücklich gewesen, aber meine alte Karte war – meines Wissens – zu Hause liegen geblieben, aber das war kein Problem, das Konto der alten Karte wurde auf das Konto der neuen Karte überschrieben, alle Sachen, die auf der alten Karte waren sind auch auf der neuen. Aber nur mit dem Chip! Die neue Benutzernummer funktioniert nicht, die gehört jetzt einer Dame, die auf den gleichen Nachnamen wie ich hört, sie weiss aber wohl noch nichts von ihrem Glück. Meine alte Karte funktioniert nicht mehr. Und jetzt kann ich ohne Chip nicht auf meine Kontodaten zugreifen. Schön, wenn die Datenbank Datenchaos anrichtet! Das ist richtig amüsant. Aber lieber bei der Bibliothek ein Datenchaos als an der UZH.