Archiv der Kategorie: Eindrücke

Unser Sturm

Mit Menschen zusammen klingen. Experimentieren, was passiert, wenn alle zusammen ihre Windklänge miteinander kombinieren. Aus dem leisen Gesäusel ergibt sich ein gemeinsamer Anstieg zu einer grossen gefährlichen Wucht.

Bei den einen klingt es wie in einem Unwetter, bei anderen wie in einem frühlingshaften Sturm, der aufwecken soll. Zusammen klingt das aber schon ziemlich ausgewachsen und wenn das wirklich wäre, hätten wir Angst bekommen.

Dann macht A. plötzlich ein Zeichen, winkt den Sturm ab. Er wird wieder zum Gesäusel und zum Schluss geniessen wir die gemeinsame Stille. Und wir staunen, dass wir zusammen einen solch fürchterlichen Sturm geschaffen haben. Dabei war alles nur Vorübung.

Schneeknirschen

Schnee macht alles leise. Flugzeuge scheinen weiter entfernt, Autos fahren langsamer und leiser. Motorenrauschen verschwindet im Schneetreiben. Unter Schuhen knirscht es auf diese schneeige Weise, um uns herum ist alles weiss.

Nur manchmal wird das alles unterbrochen. Dann macht Schnee Krach. Morgens, wenn wir im Bett liegen, weckt uns Motorengeräusch. Jemand rennt hinter der Maschine her und räumt die Decke weg.

Grenzen bauen

Neuerdings haben die Städtischen Werke ein «Gitterdepot», wie sie es nennen. Der Weg dorthin ist ausgeschildert. «Eingang Gitterdepot», steht auf einer Tafel, die eigens für diesen Zweck in den Boden eingelassen wurde. Der Weg führt über einen Parkplatz, der selbst mit Gittern aus diesem Gitterdepot eingezäunt ist.

Nach diesem Parkplatz steht man an einer Umzäunung, die an die Pferde erinnert, die vor den Gittern auf diesem Gelände waren. Darin lagert alles, was das Herz eines Begrenzers begehrt. Gitter, Tafeln, Achtungsignale, möglicherweise Stacheldraht. Dies hängt vom Gebrauch ab. Täglich wird eingefahren mit einem Lastauto, das in sich diese Gitter aufnehmen kann, weil eine Stadt wie die unsrige sich begrenzen muss.

Der Weg ist frisch geteert, der Kontrast zwischen dem Kies und dem Teer lässt dies erkennen. Da ist noch diese Linie. Sie drückt die Perfektion der Umgrenzung aus, die in beamtischer Voraussicht und Ästhetik konstruiert wurde. Sie zeigt, wo der Weg fertig ist: Eine Linie zwischen hochreinem Weg und dem bedrohenden Kies.

Text über Text über Text

Just in der Woche, nachdem die letzte Schreibmaschinenfabrik in Indien schloss, waren wir im Museum. Unglaublich, diese vielen Modelle, die es zu bestaunen gab: Hermes und auch die Baby war da, Kugelköpfe und anderes vormodernes Zeugs. Und ein Mann mit Leidenschaften.

Er veranstalte Wettbewerbe auf mechanischen Schreibmaschinen. Er hat mich eingeladen, da auch mitzumachen, ich hätte ein bisschen Talent, auf diesen alten Dingern schnell zu schreiben. Es klapperte auch, und ich konnte verstehen, weshalb wieder auf Schreibmaschine umsteigt, wer Text in seiner Materialität liebt.

Es klopft, wenn ich auf die Taste haue, der Papierwagen verschiebt sich um einen Buchstaben nach links und sobald ich die Zeile vollgeschrieben habe, muss ich die linke Hand von der Tastatur nehmen, den Zeilenschalter betätigen und den Wagen nach rechts schieben. Eine grandiose Erfindung. Spürst du den Text?

Manchmal aber auch nicht so: Für den computergewandten Schreiber, macht sich doch das mechanische Manko bemerkbar: Immer wieder kommen sich die Typen in die Quere, weil die Computergewohnheit ganze Wörter schnell schreiben lässt und nicht nur einzelne Buchstaben. Die Bewegungsabläufe sind viel mehr vom Wort oder gar vom Satz her gedacht als bei diesem mechanischen Ding.

Wofür die Schreibmaschinenfetischisten ihre Maschine aber lieben, das ist wohl die Analogität, die Linearität und die Singularität. Denn ja, es ist so etwas richtig Analoges, an dem man die rohe Gewalt ausleben kann (Rohkost soll gesund sein), manchmal spielt die Maschine sogar Gegner: Nämlich dann, wenn man sich die Finger so richtig schön zwischen den Tasten einklemmt.

Aber Konzentration aufs Wesentliche: Kein Schirm, der flackert oder konkurrenzierende Buchstaben in die Augen brennt. Auf dem Schreibtisch steht allein die Schreibmaschine mit eingespanntem Papier und zwingt einen zu Linearität. Nicht dass nicht die Softwareentwickler darauf reagiert und Programme entwickelt hätten, nein, bei der Schreibmaschine schreibt man nur in der einen Linie, in der man eben gerade schreibt. Einfach so kurz ein Wort verschieben oder am Ende einer Zeile weiter oben etwas einfügen, das geht nicht. Es gehört an der Schreibmaschine zur grössten Kunst, wieder auf richtiger Zeilenhöhe einzufädeln, wenn man einmal beschlossen hat zu wechseln.

Statt Softwareupdates gibt es bei der Maschine neue Farbbänder, oder wenn man so ein IBM-Ding mit Kugelkopf ausgesucht hat, auch neue Köpfe mit anderen Schriften. Und Papier, da muss man dauernd updaten, sonst schreibt man Text über Text über Text.

Und zur Singularität? Ja, das ist es: Das Dokument existiert genau ein Mal, nicht in Tausend Ausdrucken. Den Text gibts auf Papier mit dieser Tinte durchs Band aufs Blatt geschlagen. Aber auch da begeistert die Trickkiste: Mit Durchschlagpapier kann man gleichzeitig mehrere Blätter beschreiben.

Nummern

Ankommen um acht Uhr, mit zwei Minuten Verspätung. Zuerst eine Nummer fassen, sich zu den anderen setzen, die auch eine sechs zuvorderst haben. Die ersten werden nach einer halben Stunde aufgerufen, ungeduldig. Bis zur 27 geht es noch zwei Aufrufe weiter. Dann werden Nummern getauscht: Die alte Nummer abgeben, in der Zwischenzeit nummernlos werden.

Eine neue Nummer entgegennehmen. Mit der 508, das Büchlein abgeben, Geld wechseln: Fünfliber. Die Bagage in ein Zimmer stellen, in dem die Fünfhundertacht vorkommt, den Fünfliber in ein Schliessfächlein legen, das mit 508 angeschrieben ist. Kein Schliessfach mit 508. Den Fünfliber trotzdem reinlegen.

Auf einen Stuhl sitzen, der mit 508 angeschrieben ist. Den Zettel mit der Fünfhundertacht entgegennehmen, der für einen anderen gedacht war: Der Name ist überklebt. Immer wieder Foifhundertacht gerufen werden. Saugnäpfe aufgeklebt bekommen, die einen erhöhten Blutdruck und -puls feststellen und Rundspuren hinterlassen. In eine Messstation hineinatmen: «Ich habe keine Zeit diese Messung noch zehn Mal durchzuführen jetzt machen Sie mal richtig. Ist wurscht, wenn Sie einen Hustenreiz bekommen, ist ja nur ein Mal, verdammt!»

Immer wieder diese Nummer um den Hals legen, beim Appell in Stereo rufen, dass die 508 da ist. Dann früher als abgemacht aus dem Zimmer gerufen werden, weil jetzt alles anders wird. Die Fünfhundertacht muss in der ersten Charge mit, um dann mit dem Namen angesprochen zu werden. «Sie werden heute Abend über den Lautsprecher aufgerufen, dann können Sie gehen.»

Zum Schluss die Rückgabe der Nummer unterschreiben.