Computer und kognitive Beglückung

«Die Computer tun nichts anderes, als mit der menschlichen Faszination der Suche zu spielen, mal zu ihrem Vorteil, mal zu ihrem Verderben. Aber Glücksbotenstoffe wie Dopamin werden nicht nur durch googeln freigesetzt; jeder, der einen Gedanken oder eine Lösung gefunden hat, ein Kunstwerk geschaffen oder eine Erkenntnis verinnerlicht hat, kennt das ‹Heureka› kognitiver Beglückung.»(S. 209)

Schirrmacher, Frank. Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. 1. Aufl. Karl Blessing Verlag, 2009.

Workflows

Man kann sich gut und lange überlegen, mit welchen Programmen man arbeitet. Man kann sich noch viel besser und viel länger überlegen, mit welchen Geräten man arbeitet. Aber am besten überlegt man sich so lange die beiden ersten Dinge, dass man gar nicht dazu kommt überhaupt etwas zu machen.

Gewisse Dinge muss man dann einfach machen (zum Beispiel ein iPad kaufen). Dann findet man es ganz toll, so ein Teil zu besitzen. Dann liest man irgendwo, dass es vielleicht doch nicht so toll ist, weil man da sehr gebunden ist an das, was einem für das Gerät angeboten wird. Und dann zeigt man seiner Liebsten, wie viel Elektroschrott man da so auftürmen kann auf dem Tisch. Da schreibt man Essays über Bachtin oder Humboldt darauf. In der Bibliothek sieht man aber all die mit ihren riesigen Macbook Pros, so ohne glänzigen Schirm. Und plötzlich kommt einem die Idee wieder: Viel besser wäre ein Gerät für alles.

Aber meine lieben Kinder, das gibt’s nicht. Einfach war wohl gestern. Und deshalb bringts auch gar nichts, sich tausend Mal zu überlegen, was man eigentlich hätte tun sollen. Denn das Pad ist schon gekauft, und es ist unglaublich leicht und mit externer Tastatur sehr gut zu betippen (übrigens auch ohne).

Und schliesslich kommt’s auf die Workflows an, die man sich für die Geräte zusammenschustert. Und für all die Programme und Apps. Und das hiesse dann: Schreiben mit dem iPad, auszeichnen mit Formatvorlagen in Word, aber heiss gestrickt und dann einmal in Tustep reinlassen und schön ist. Oder: Feeds mit dem Google Reader lesen und weiterempfehlen auf den Social Networks. Oder Bücher kaufen, ISBN-Nummern mit Zotero erfassen und erst dann ins Büchergestell legen.

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Wordeln für bessere Texte

Wordle macht schöne Tag-Clouds. Es fasst mit seinen Wolken aber auch wichtige bzw. häufige Begriffe aus Texten heraus und stellt sie visuell dar. Das habe ich mit dem Stechlin etwa gemacht, der so unglaublich überblickbar wirkt. Nach diesem Wordle kommen die Wörter ja oder immer relativ häufig vor.

Der Stechlin dargestellt von Wordle

Dies brachte mich auf die Idee, Seminararbeiten zur Überabeitung zu wordeln: Ich kopierte den gesamten Text einer Seminarbeit in Wordle hinein, das mir dann schnell sehr häufige Wörter zeigte. Interessanterweise war es nicht Terminologie, die gehäuft vorkam, sondern Wörter wie zeigen oder sich zeigen.

Mit dieser Liste häufig vorkommender Wörtern lässt sich nun gut nach dem Stilprinzip variatio delectat vorgehen. Die sehr häufig vorkommenden Wörter sucht man in der Textverarbeitung und markiert sie farblich oder typografisch. Ausgedruckt (aber auch am Bildschirm) eruiert man dann die Häufungen, erschrickt über sich selbst und die eigene Schreibe. In einem zweiten Schritt lassen sich meistens treffendere Wörter finden, viele lassen sich aber auch einfach streichen.

«Er ist wieder so, wie er war, vor langer Zeit, der schwarze Panther.»

Aus seinem Verlag sind viele Bücher in meinem Gestell. Ein Porträt von Daniel Keel liest sich im Archiv der Zeit. Viele grossartige Leseerfahrungen wären ohne ihn nicht möglich geworden. Das Parfum von Patrik Süskind etwa, Der Besuch der alten Dame neben anderen Dürrenmatts, War meine Zeit meine Zeit von Loetscher, die Reihe wäre noch unendlich fortzusetzen. Denkt man.

Jetzt lebt sein Verlag ohne ihn weiter. Daniel Keel ist heute mit 80 Jahren gestorben, mit ihm ein grosser Literat.

Schreibmaschinenmenschen

FokussiertDen Fokusmodus habe ich lange vermisst. Erst vor kurzem habe ich ihn auf dem Papier wiedergefunden: Papier schluckt alles und lenkt mit gar nichts ab, wenn noch nichts drauf steht. Im Computer drin gibts so viel Ablenkung: Aufsätze, die noch nicht gelesen sind, Datenbanken, die Abfragen schlucken wollen, das Internet, das Beschäftigung braucht. Die Links sind da, um beklickt zu werden, sonst schöpft man nicht das ganze Lesbarkeitspotenzial aus.

So verrinnt Stunde um Stunde, ganz unproduktiv produktiv genutzt, in denen man schon Texte konstruiert, indem man sie nämlich liest, aber gleichzeitig keine Texte konstruiert, indem man keine schreibt, weil man vor dem Schreiben doch immer noch etwas und noch etwas lesen sollte. So sitzt man dann stundenlang vor dem Schirm, lähmt sich selbst und klagt am Ende über Nackenschmerzen und Müdigkeit, die davon herrührt, dass nichts Lesbares zustande kommt.

Da waren die Schreibmaschinenleute wie gesagt noch produktiver. Ihnen war klar, dass erst etwas auf dem Papier steht, wenn etwas auf dem Papier steht. Nur bei uns steht schon etwas auf dem Schirm, wenn eigentlich und unvoreingenommen besehen noch nichts da steht.

Die Informationsarchitekten haben sich gesagt, dass wir alle wieder Schreibmaschinenleute werden sollen. Sie haben eine Software gebastelt, mit der man alles wegmachen kann, ausser den Text, den man gerade schreiben will. Sie haben sich richtig Mühe gegeben und etwas Tolles geschaffen, mit dem man wieder lineare Texte schreiben kann, die man sich vorher überlegt hat, oder die im Schreiben entstehen, weil schreiben nicht sich ablenken heisst. Fokussiert ist nur der eine Satz, an dem man gerade schreibt, die anderen sind halb weg, nicht dass man immer wieder zurückgeht und ändert und nochmals ändert, bloss weil man das kann.