Ergon und Energeia

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia).

Humboldt, Wilhelm von: Sprachbau und Entwicklung des Menschengeschlechts. In: Werke III. Hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Stuttgart, 1963. S. 418.

Gelesen: Gardens

Gardens ist ein Essay von Robert Pogue Harrison, Italienischprofessor an der Stanford Universität. Er zeigt in seinem Essay den literarischen und kulturhistorischen Topos des Gartens. Harrison führt seinen Leser von Gartengeschichten mit Eva im Garten über Orte des freien Denkens zu Paradiesvorstellungen des Christentums und des Islams.

Am Topos des Gartens interessiert ihn die Abgeschiedenheit von der restlichen Welt und das Bedürfnis der Menschen, Geschichten zu erzählen: “For Camus it was the sun, but more often than not in Western culture it has been the garden, whether real or imaginary, that has provided sanctuary from the frenzy and tumult of history.” (ix) Genau dieses sanctuary versucht er aufzuspüren und macht dies sehr überzeugend.

Über das urgärtnerische Symptom des Kultivierens findet Harrison einen Weg durch verschiedene Gärten der Kultur- und Literaturgeschichte und zeigt in der Lektüre dieser Gärten literarische Spitzfindigkeiten. Er spricht davon, dass in Gärten Potenzialitäten angelegt werden, die kultiviert werden müssen von einem Gärtner, der sich kümmert um die Pflanzen und um den Garten.

Harrison analysiert mit scharfem Sinn und zeigt auch die wesentlichen Mängel von Prunkgärten auf, die einzig der Machtdemonstration dienen. Mit spannenden Anekdoten verschattet er den Garten des Sonnenkönigs, nimmt sein eigenes Urteil aber mit Bescheidenheit zurück.

Harrison, Robert Pogue: Gardens. An Essay on the Human Condition.The University of Chicago Press, 2009.

Gelesen: Wofür es sich zu leben lohnt

Von Robert Pfaller hörte man in letzter Zeit oft, wenn es um Rauch- oder Minarettverbote ging. Bei Radio Stadtfilter hatte er ein Interview zu diesen Themen, das als Podcast herunterzuladen ist. In seinem Buch «Wofür es sich zu leben lohnt» analysiert er die Tendenzen in der Gesellschaft, die zu solchen Veränderungen führen.

Er spricht von einem Beleuchtungswechsel, der einen Unterschied in der Wahrnehmung provoziert. Zwar hatten die Dinge ihre Schädlichkeit schon bevor sie verboten wurden, die Schädlichkeitsfaktoren werden immer mehr in den Vordergrund gestellt.

In seiner Argumentation scheint Pfaller immer wieder zu kreisen. Immer wieder die gleichen Beispiele bringt er in unterschiedlichen Blickwinkeln, ohne dabei viel Substanz herauszuholen. Fast mantraartig scheint er sich mit dem Rauchen, der Gesundheit und neoliberaler Kosteneffizienz zu wiederholen.

Er zeigt immer wieder, wie die Postmoderne eigentlich genussfeindlich ist und so gar nichts mehr mit der 68er-Bewegung zu tun hat. Wichtig war für mich vor allem das Kapitel, in dem er auch auf die Dialektik der Dinge zu sprechen kommt, denn da zeigt er, dass Verdoppelung ein wichtiger Faktor ist, dass Vernunft nur dann vernünftig ist, wenn sie auch unvernünftig sein kann, dass ein Erwachsener nur dann erwachsen ist, wenn er auch erwachsen Erwachsen ist, also nicht so wie ein Kind erwachsen. Die Doppelung mit Adjektiv scheint ihm der wichtigste Punkt, denn nur so wird Genuss genussvoll, auch schon in der vorangegangenen Argumentation macht sich Pfaller stark dafür, dass Masslosigkeit im Mass gehalten wird oder dass die Vernunft im Zaum gehalten werden muss, damit das Leben lebenswert bleibt.

Eine bereichernde Lektüre.

Pfaller, Robert. Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer, 2011.

Gelesen: Ein Amateur

Eine Art zeitgenössischer Entwicklungsroman von Walter Kappacher, in dem Simon vom Motorradmechaniker über den Schauspieler und Reiseverkäufer zum Schreiber wird.

Auf einmal fiel ihm auf, daß er schauen konnte, auf zweierlei Art schauen: einfach die Wolken betrachten, wie sie ihre Form verändernd am Himmel vorüberzogen, oder die bewaldeten Hügel, einfach schauen; oder aber im Schauen, während er die Landschaft betrachtete, innerlich ganz andere Bilder entstehen lassen, sie verfolgen. Hier durfte er schauen, es war nicht wie in der Bude, wo er, kaum schaute er einmal aus dem verschmutzten Fenster und dachte an etwas, gescholten wurde: Was ist, Schauer! … Was schaust denn schon wieder, bring mir lieber die Kombizange! … Träumst schon wieder! (74)

Kappacher, Walter. Ein Amateur. Roman. München: dtv, 2011.

Gelesen: Fahrenheit 451

Ray Bradburys Dystopie einer Welt ohne Bücher, dafür mit totaler Kontrolle. Die Feuerwehr hat plötzlich nichts Anderes mehr zu tun als Bücherpolizei zu spielen und die Bücher, die noch existieren und die Menschen, die sie besitzen, zu verbrennen und so die Erinnerung auszulöschen.

«Du musst begreifen, bei der Größe unserer Zivilisation kann keinerlei Beunruhigung der Minderheiten geduldet werden. Sag selbst, was ist unser aller Lebensziel? Die Menschen wollen doch glücklich sein, nicht? Hast du je etwas anderes gehört? Ich will glücklich sein, sagt ein jeder. Und ist er es nicht? Sorgen wir nicht ständig für Unterhaltung und Betrieb? Dazu sind wir doch da, nicht? Zum Vergnügen, für den Sinnenkitzel? Und wirst du zugeben, dass daran in unserer Kulturwelt kein Mangel herrscht.»

«Nein» (S. 84–85)

Bradbury, Ray. Fahrenheit 451. Roman. Zürich: Diogenes, 2008.