Archiv der Kategorie: Gelesen

BITTE ANTWORTEN

Im Moment beschäftige ich mich gerade textlinguistisch mit Lesbarkeitshinweisen. Wie ich gerade merke, könnten E-Mails ganz interessant sein, denn auf welche Referenz von Welt soll man antworten bei einer solchen Mail, lieber Peter Wong. Ich verstehe, dass es ein dringendes Bedürfnis ist, dass ich Ihnen antworte (typografisch angedeutet durch die Versalschreibung).

Ich bin auch interessiert an grossen Geldsummen, die Sie zu haben scheinen. Sonst würden Sie keinen Hinweis darauf machen, dass Sie gro?e Geldsummen transferieren möchten (– oder weshalb sonst würden Sie mir überhaupt eine Mail schreiben, die ich aus meinem Spam-Ordner retten soll?).

Wo ich dann allerdings doch etwas irritiert bin, ist bei der Fülle von Adressierungsmöglichkeiten. Lassen Sie mich nicht entscheiden, welchen Hinweis ich befolgen soll, sonst schwächen sich die Lesbarkeitshinweise gegenseitig ab. Und werfen Sie mir bitte nicht vor, ich hätte die Pragmatik Ihres Textes nicht verstanden. Ich verstehe sehr wohl, dass es sich bei Ihnen um ein sehr dringendes Anliegen handelt.

Immerhin müssten Sie diesen Text hier auch als Reaktion auf Ihre Mail verstehen, sodass ich doch ein wenig Trost finde in Ihrem Versprechen, dass Sie eine Reaktion schätzen. Ach, und wo ich Sie noch bitten wollte: Könnten Sie mir auf die Sprünge helfen, als welche Art von Hinweis ich die Fragezeichen mitten in den Wörtern klassifizieren soll?

Ergon und Energeia

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia).

Humboldt, Wilhelm von: Sprachbau und Entwicklung des Menschengeschlechts. In: Werke III. Hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Stuttgart, 1963. S. 418.

Gelesen: Gardens

Gardens ist ein Essay von Robert Pogue Harrison, Italienischprofessor an der Stanford Universität. Er zeigt in seinem Essay den literarischen und kulturhistorischen Topos des Gartens. Harrison führt seinen Leser von Gartengeschichten mit Eva im Garten über Orte des freien Denkens zu Paradiesvorstellungen des Christentums und des Islams.

Am Topos des Gartens interessiert ihn die Abgeschiedenheit von der restlichen Welt und das Bedürfnis der Menschen, Geschichten zu erzählen: „For Camus it was the sun, but more often than not in Western culture it has been the garden, whether real or imaginary, that has provided sanctuary from the frenzy and tumult of history.“ (ix) Genau dieses sanctuary versucht er aufzuspüren und macht dies sehr überzeugend.

Über das urgärtnerische Symptom des Kultivierens findet Harrison einen Weg durch verschiedene Gärten der Kultur- und Literaturgeschichte und zeigt in der Lektüre dieser Gärten literarische Spitzfindigkeiten. Er spricht davon, dass in Gärten Potenzialitäten angelegt werden, die kultiviert werden müssen von einem Gärtner, der sich kümmert um die Pflanzen und um den Garten.

Harrison analysiert mit scharfem Sinn und zeigt auch die wesentlichen Mängel von Prunkgärten auf, die einzig der Machtdemonstration dienen. Mit spannenden Anekdoten verschattet er den Garten des Sonnenkönigs, nimmt sein eigenes Urteil aber mit Bescheidenheit zurück.

Harrison, Robert Pogue: Gardens. An Essay on the Human Condition.The University of Chicago Press, 2009.

Gelesen: Wofür es sich zu leben lohnt

Von Robert Pfaller hörte man in letzter Zeit oft, wenn es um Rauch- oder Minarettverbote ging. Bei Radio Stadtfilter hatte er ein Interview zu diesen Themen, das als Podcast herunterzuladen ist. In seinem Buch «Wofür es sich zu leben lohnt» analysiert er die Tendenzen in der Gesellschaft, die zu solchen Veränderungen führen.

Er spricht von einem Beleuchtungswechsel, der einen Unterschied in der Wahrnehmung provoziert. Zwar hatten die Dinge ihre Schädlichkeit schon bevor sie verboten wurden, die Schädlichkeitsfaktoren werden immer mehr in den Vordergrund gestellt.

In seiner Argumentation scheint Pfaller immer wieder zu kreisen. Immer wieder die gleichen Beispiele bringt er in unterschiedlichen Blickwinkeln, ohne dabei viel Substanz herauszuholen. Fast mantraartig scheint er sich mit dem Rauchen, der Gesundheit und neoliberaler Kosteneffizienz zu wiederholen.

Er zeigt immer wieder, wie die Postmoderne eigentlich genussfeindlich ist und so gar nichts mehr mit der 68er-Bewegung zu tun hat. Wichtig war für mich vor allem das Kapitel, in dem er auch auf die Dialektik der Dinge zu sprechen kommt, denn da zeigt er, dass Verdoppelung ein wichtiger Faktor ist, dass Vernunft nur dann vernünftig ist, wenn sie auch unvernünftig sein kann, dass ein Erwachsener nur dann erwachsen ist, wenn er auch erwachsen Erwachsen ist, also nicht so wie ein Kind erwachsen. Die Doppelung mit Adjektiv scheint ihm der wichtigste Punkt, denn nur so wird Genuss genussvoll, auch schon in der vorangegangenen Argumentation macht sich Pfaller stark dafür, dass Masslosigkeit im Mass gehalten wird oder dass die Vernunft im Zaum gehalten werden muss, damit das Leben lebenswert bleibt.

Eine bereichernde Lektüre.

Pfaller, Robert. Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer, 2011.

Gelesen: Ein Amateur

Eine Art zeitgenössischer Entwicklungsroman von Walter Kappacher, in dem Simon vom Motorradmechaniker über den Schauspieler und Reiseverkäufer zum Schreiber wird.

Auf einmal fiel ihm auf, daß er schauen konnte, auf zweierlei Art schauen: einfach die Wolken betrachten, wie sie ihre Form verändernd am Himmel vorüberzogen, oder die bewaldeten Hügel, einfach schauen; oder aber im Schauen, während er die Landschaft betrachtete, innerlich ganz andere Bilder entstehen lassen, sie verfolgen. Hier durfte er schauen, es war nicht wie in der Bude, wo er, kaum schaute er einmal aus dem verschmutzten Fenster und dachte an etwas, gescholten wurde: Was ist, Schauer! … Was schaust denn schon wieder, bring mir lieber die Kombizange! … Träumst schon wieder! (74)

Kappacher, Walter. Ein Amateur. Roman. München: dtv, 2011.