Archiv der Kategorie: Gelesen

Gelesen: Götz von Berlichingen

Endlich den Götz von Berlichingen auch gelesen. Dies wollte ich schon seit ich den Film Goethe! gesehen hatte, nachdem ihn eine Deutschlehrerin in Berlin empfohlen hatte.

Und jetzt hab ich endlich die Gelegenheit am Schopf gepackt und gelesen, weil die Feme in Fontanes Stechlin vorkommt, an dem ich immer noch sitze. Im Fontane werden die verschiedenen Versionen vom Götz thematisiert und dass der Richter in der älteren Version des Götz noch viel ungeheurer ausgesehen haben muss.

Gelesen: Stine

Fontanes Spätwerk Stine lohnt sich sehr zu lesen: So eine Art Romeo und Julia bearbeitet von Fontane, also über die Stände greifend und natürlich das Schlimmste nicht vermeidend. Der Spannungsbogen wird sauber aufgebaut, und zum Schluss fliegt der Pfeil richtig schnell und dann ists auch schon fertig.

Nicht so viel Geplauder wie im Stechlin, aber auch für diese Erzählung bekommt Fontane wohl seinen Causeur.

Fontane, Theodor. Stine : Roman. Stuttgart: Reclam, 1989. 

Gelesen: Corpus Delicti. Ein Prozess

Stellen Sie sich vor, Ihnen wird der Prozess gemacht, weil Sie versäumt haben, die 300 Kilometer pro Woche auf Ihrem Fahrrad abzustrampeln, die Sie sich fürs Neue Jahr vorgenommen haben. Dann befinden Sie sich in einer ähnlichen Situation wie Mia, die Protagonistin von Juli Zehs Erzählung Corpus Delicti. Allerdings hat sich Mia die Fahrradkilometer nicht vorgenommen; sie sind ihr vom Staat, vom System auferlegt, damit sie die Bewegung bekommt, die einem in einem totalen Gesundheitsstaat vorgeschrieben ist.

Zeh entwirft in ihrer Erzählung Corpus Delicti die Dystopie einer Gesellschaft, auf Vernunft und der Methode basiert. Die Methode ist ideologischer Ersatz und Lösung für alle Probleme, die in einer Gesellschaft im Alltag anfallen. Und – das wird von einer Methode schliesslich erwartet – sie hat totale Deutungshoheit über schwierige Fälle.

Interessant und lesenswert ist das Buch nicht wegen den Ausführungen auf die Methode, sondern wegen den personellen Verstrickungen, die sich während des Prozesses zeigen. Ein Anwalt, der sich verselbständigt und seine Mandantin für höhere Zwecke benutzt, virtuelle Personen wie die ideale Geliebte oder öffentlichkeitsgeile Fernsehinterviewpartner, denen zum Schluss hin alles aus dem Ruder läuft in einer Gesellschaft, die darauf getrimmt ist, nichts aus dem Ruder laufen zu lassen.

Dies alles wird immer wieder in den Modus des Spiels verlegt:

Mia schweigt. Die Richterin hat sich geirrt, als sie glaubte, dass die Beschuldigte sich nicht an sie erinnern könne. Mias Gedächtnis zeigt Sophie als eine von vielen schwarz gekleideten Puppen in den Kulissen einer Geisterbahn, ganz hinten im Windschagtten des Schwurgerichts, halb sitzend, halb verborgen vom vorsitzenden Richter, den Beisitzern und Protokollanten. (53)

Das Setting dieser Puppengeschichte wird auf eindrückliche Weise und mit viel Autoreflexion durchbrochen durch Erinnerungspassagen, die von der Verurteilung von Mias Bruder Moritz erzählen. Oder durch Reflexionen über das Leben, die im Laufe des Buches immer ausgereifter werden und die Totalität der Dystopie durchbrechen:

Dem wahren Menschen genügt das Dasein nicht, wenn es ein bloßes Hier-Sein meint. Der Mensch muss sein Dasein erfahren. Im Schmerz. Im Rausch. Im Scheitern. Im Höhenflug. Im Gefühl der vollständigen Machtfülle über die eigene Existenz. (92)

Zeh, Juli. Corpus Delicti. Ein Prozess. München: btb, 2010. 

Das Web bauen

Sie nehmen die Architekturmetapher beim Wort: Morville und Rosenfeld zeigen in ihrem Standardwerk Information Architecture for the World Wide Web die Arbeit des Informationsarchitekten und schaffen damit eine Rechtfertigungsgrundlage für den digitalen Bibliothekar.

Der Informationsarchitekt wird vorgestellt als einer, der Dächer für Informationen deckt. Jedes Haus wird für einen bestimmten Zweck gebaut und muss umgebaut werden, wenn sich die Anforderungen ändern. Analog soll es mit den Strukturen geschehen, mit denen Informationen organisiert werden.

Dass es Informationsarchitekten braucht, wird von der Informationsseite her ziemlich schnell klar. Aber auch auf der Seite der finanziellen Interessegruppen wird mit Return on Investment-Studien gezeigt, dass sich Investitionen in Informationsarchitektur lohnen. Dabei gilt es zwei Aspekte zu beachten: Kunden finden sich auf einer Seite mit guter Informationsarchitektur schneller zurecht und finden eher die Dinge, wofür sie bereit sind, Geld auszugeben. Auf der anderen Seite lässt sich mit Informationsarchitektur viel Geld sparen: Mitarbeiter finden ihre Dokumente im Intranet schneller, wenn sie gut organisiert sind.

Diese beiden Argumente zeigen dann auch die Orientierung der Informationsarchitekten: Informationen sollen gefunden werden und zwar so, dass die Benutzer der Systeme nicht zuerst komplizierte Suchalgorithmen verstehen müssen. An Beispielen wird gezeigt, wie Informationen nutzergerecht aufbereitet werden können: Viele Webseiten kennen einen Aufbau nach Nutzergruppen. Universitäten beispielsweise haben oft eine Seite für Studieninteressierte, für Studierende oder Dozierende. Seiten von Computerherstellern dagegen enthalten oftmals Unterteilungen in Privatkunden, kleine Unternehmen und Grossunternehmen. Die Informationen werden nach diesen Nutzergruppen angeordnet, damit der Interessierte möglichst schnell zu den gewünschten Informationen kommt.

Es geht in der Informationsarchitektur also vor allem darum, sinnvolle Strukturen für Webseiten zu bauen und dabei mit einer Kombination von Organisation, Labeling, Suchfunktionen und Navigationssystemen Information so zugänglich zu machen, dass die Nutzer von Webseiten möglichst schnell zu den Informationen kommen, die sie suchen. Wichtig ist es auch, den Kontext zu beachten: Man kann Informationsarchitekturen nicht in den luftleeren Raum hinaus bauen. Aus diesem Grund gilt es auch Unternehmensprozesse und Nutzerkreise zu kennen.

Informationsarchitekten nach dem Verständnis von Morville und Rosenfeld sind weder Programmierer noch Designer, sondern kommen von der Information her. Semantik ist daher eines der Zentren, um die sich die Informationsarchitektur dreht. Daher sind Metadaten, Vokabulare, Thesauri, Kategorisierungen, semantische Beziehungen dem Informationsarchitekten besonders wichtig.

Das Buch stellt verschiedene Arbeitsfelder vor: Informationsarchitekten visualisieren Datenstrukturen, entwickeln Vokabularien zur Beschreibung von Informationen, entwerfen Strategien zur Integration von Content in die bestehende Informationsarchitekturen, entwickeln Informationsstrategien und gehen empirisch vor. Sie arbeiten vor allem mit Webseiten und Intranets. Morville und Rosenfeld zeigen auch Werkzeuge, mit denen Informationsarchitekten Thesauri erstellen, wie Vokabulare gemanagt werden und was es zu beachten gibt, wenn Informationsarchitekturen implementiert werden. So werden verschiedene Verfahren zum Ermitteln von Vokabularen zum Labeln von Inhalten vorgestellt. Ein Beispiel ist Play Cards: Es geht darum, mit verschiedenen Benutzern Karten zu spielen, die als Labels dienen. Im Spiel wird ermittelt und dokumentiert, wie verschiedene Nutzer Informationen unterschiedlich mit Labels versehen. Auf diese Weise wird empirisch ein Vokabular erstellt, das die Nutzer einbezieht, die im Alltag mit dem Labelsystem zu tun haben werden.

Gerade die Nutzung im Alltag stellt den Informationsarchitekten vor Schwierigkeiten, weil eine Informationsarchitektur nicht etwas ist, was einmal eingesetzt wird und dann auf ewig läuft: Kommen neue Informationen hinzu, müssen diese nach den Vorgaben ins bestehende System eingearbeitet werden. Für die täglichen Aufgaben müssen Verantwortliche eingesetzt werden, die das System am Laufen halten und die Vokabulare konsequent auf Informationen vergeben und so die Webseiten oder das Intranet auf dem aktuellen Stand halten.

Morville und Rosenfeld zeichnen in ihrem Buch das Bild eines Informationsarchitekten, der den Plan für ein Informationshaus erstellt und gleichzeitig Strategien entwickelt, mit denen das Haus auf einfache Weise erweitert werden kann. Dabei wird viel Gewicht auf die Metapher des Architekten gelegt, der hauptsächlich konzeptuell arbeitet und weder selbst das Design für eine Website erstellt, noch programmiert.

Morville, Peter/Rosenfeld, Louis: Information Architecture for the World Wide Web. 3. Auflage, O’Reilly: 2006.