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Buchstabenmenschen

Manchmal trifft man auf Leute, die sich mit Buchstaben auskennen. An den unterschiedlichsten Orten und zu verschiedenen Zeiten haben diese mit dem zu tun, was wie ein Fluch scheint. Die Beherrschung der Buchstaben setzt einen grossen Aufwand voraus. Sobald man sie aber beherrscht, beherrschen sie einen selbst: Liest man sie, kann man sie nicht mehr nicht lesen.

Obwohl alle gleich in ihrem Fluch, oder sei es auch ein Segen, gefangen sind, die sich auf das Abenteuer eingelassen haben, gehen sie unterschiedlich mit dem Gegenstand des Buchstabens um.

Eine liest Zeitungen von vorne nach hinten und von hinten nach vorne. Sie meditiert das Weltgeschehen des vergangenen Tages, setzt ihr Puzzle zusammen, ist informiert. Man kann sie fragen, was passiert ist, wenn man die Zeit nicht gefunden hat, die letzten Zeitungen zu lesen, wenn man der Zeit der Informationen hinterherhinkt.

Ein Anderer schreibt Zeitungen, liest sie aber nicht. Die Buchstaben würden ihn wahnsinnig machen, meint er. Er fragt sich, was es ihm nütze, wenn er wisse, dass der Reissack, der berühmte, umgefallen sei, gleichzeitig aber nicht wisse, wie es seiner – für sein Leben wichtigeren – Nachbarin gehe.

Dies muss denn wohl auch der Grund dafür sein, dass er seine Ferien lesend im Lichthof der Universität seiner Heimatstadt verbringt, mit den Menschen von da und überall spricht.

Ein wiederum Anderer macht sich einen Buchsommer, der jeden Sommer zu einem speziellen Sommer macht: Ein spezieller literarischer Text, links nach rechts oder umgekehrt gelesen, die Briefe und Essays dazu verleihen der warmen Zeit einen unverwechselbaren Charakter.

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Gedanken

Wie riechen Buchstaben?

So schön es ist, Buchstaben von überall her zu lesen, so schön wäre es, etwas über die Gestalt der Buchstaben zu wissen. Zum Beispiel: wie die Buchstaben riechen.

Dieses Problem stellt sich dem Gedruckten vorerst nicht: Er weiss, welchen Geruch das Papier tragen wird, auf das seine Buchstaben gedruckt werden. Sogar Zeitungsschreiberlinge, die ihr Wort tagtäglich in Papier pressen lassen, kennen den ureigenen Geruch, der die Symbiose von Druckerschwärze und Zeitungspapier entwickeln wird. Und falls die Schreiberlinge tatsächlich so neugierig sind wie sie sonst glauben machen, dann beschnuppern sie ihre Zeitungsblätter und überprüfen sie auf Geschmacksrichtigkeit.

Wessen Buchstaben nur virtuell existieren, ja dessen Buchstaben im eigentlichen Sinne keine BUCHstaben sind, weil sie bloss in einer Datenbank ein festes Dasein fristen, der muss sich Gedanken darüber machen, wie seine Buchstaben wohl riechen könnten. Die Gedanken darüber führen aber vom eigentlichen Geruchssinn weg, denn plötzlich spielt es keine Rolle mehr, ob die Buchstaben nach Vanille riechen oder nach Burberry-Parfum, nach Zitrusduft oder Torfheizung. Mit einemmal Kreisen Gedanken auf weiteren Bahnen: Wenn man nicht einmal weiss, wie die Buchstaben riechen, wie soll man denn auch nur im entferntesten Sinne wissen können wie Worte verstanden werden, wenn sie einmal geschrieben sind und gelesen werden?

Wenn der eine Leser eine Vorliebe für Zitrusdüfte hat, wird er auch die Buchstaben anders lesen als die Leserin, die sich am liebsten mit Eukalyptus-Düften umgibt. Schliesslich haben die beiden einen anderen Prototyp unter dem Lieblingsduft abgelegt. So werden die beiden bestimmt auch ein anderes mentales Bild von einem Baum haben. Sieht man sich vor solch elementare Probleme gestellt, kommt es gar nicht mehr darauf an, wie denn die Buchstaben riechen, wenn sie gelesen werden. So flüchtig wie die Buchstaben über Bildschirme flimmern, so flüchtig sind auch die Gerüche, die auf dem gedruckten Papier einen Zwischenstopp eingelegt haben, bevor sie die Umgebung mit ihrem Duft beglücken.

Das Problem des Duftes und des Geruches ist also nicht wirklich ein Problem des Duftes oder des Geruches, sondern ein Problem, das viel elementarer in der menschlichen Wahrnehmung verwurzelt  ist. Soll man das für wahr halten, was man wahrnimmt? Vielleicht ist mit «Baum» ein anderer Baum gemeint als derjenige, den Sie bei der Lektüre des Wortes «Baum» vor sich gesehen haben?

So muss es Ihnen überlassen sein, welchen Baum Sie sehen, während Sie lesen, gleichermassen wie es Ihnen überlassen sein soll, mit welchem Hintergrundgeruch oder -duft Sie diese Zeilen gelesen haben. Ein angenehmer Duft soll Ihnen gegönnt sein.

Falls Sie es wissen wollen, bloss damit Sie sich den Umgebungsgeruch vorstellen können, der das Schreiben dieses kleinen Textes umgab: Der Rohentwurf dieses Beitrags entstand auf einem Papier mit toter Fliege.

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Mehr Unterschiede als Buchstaben (115)

Wir erinnern uns nur allzu gerne daran: Als Schüler der Primarklassen sassen wir manchmal stundenlange vor einem Hellraumprojektor-Text, den es abzuschreiben galt. Nicht dass es noch keine modernen Kopergeräte gegeben hätte; nein, es war wohl zum Zweck der schönen Schreibung gedacht. Damals gab es nämlich noch die Schönschreibhefte, in die man keine Tintenkleckse reinmachen durfte, wo aber auch der Tintenkiller nicht gerne gesehen war, denn schon nach kurzer Zeit würden die Seiten vergilben, wegen der Chemie, die in diesen Killern steckt, pflegte der Lehrer jeweils zu sagen.

Von den chemikalischen Tintenkillern gleichermassen gelöst wie von den Kleckse verursachenden Tintenschreibmittel Füllfederhalter, der Federkiel wurde nie benutzt, und zum bequemen Tintenballroller übergegangen. Der grösste Nachteil, die Tinte nicht einfach mit einem Wunderstift wieder einsaugen zu können, offenbart sich als grösster Vorteil: Gedankengänge können nachvollzogen werden, wenn sich auf einer Seite Falsches durchgestrichen neben Richtigem präsentiert. Die Tinte verflüchtigt sich nicht in vergilbten Stellen, sondern artet höchstens in einem abartig anzusehenden Schlachtfeld von Gedanken aus.

Falls man wegen eines allzu exzessiven Streichkonzertes den Sinn des Aufgeschriebenen nicht mehr aus den eigenen Notizen rekonstruieren kann, ist man dank Literaturangaben und liebenswerten MitstudentInnen (das Wort KommilitonInnen benutze ich nur äusserst ungern) in einigen Fällen wieder dazu fähig, aus den eigenen Mitschriften einen Sinn herauszulesen. Wie aber steht es mit Texten, die einen weiten Überlieferungsweg hinter sich haben?

Das neue Testament in der Version der King James-Übersetzung

Bild: Das neue Testament in der Version der King James-Übersetzung. Bearbeitet von flickr (Ursprünglich fotografiert: Misty P.).

Die Bibel könnte man hier als Paradebeispiel aufführen. Die Schriften des Neuen Testaments haben eine gut 2000-jährige Tradition hinter sich. Zwar schon als schriftlich festgehaltene Quellen, allerdings in einer total unübersichtlichen Flut von Papyrii, die zu allem Unfug noch nicht einmal den selben Wortlaut enthalten. Wie soll man da herausfinden, welches denn jetzt der Text ist, von dem es sinnvoll ist auszugehen?

Dass man mit Übersetzungen äusserst vorsichtig umgehen sollte, lehren uns die modernen Übersetzungsmaschinen von Google, Altavista, Babelfish und ähnlichen Maschinerien. Dass man mit den automatischen Übersetzungsprogrammen eine Fülle an neuen Texten generieren kann, ist auch im Beitrag Rückübersetzt nachzulesen. Was den Ausgangspunkt von einem NY Times Text von demjenigen der Bibel grundsätzlich unterscheidet ist allerdings dessen Einheitlichkeit. Für diesen kurzen Abschnitt gibt es nicht auch noch Varianten, die man beachten müsste, und doch ist die Übersetzung nicht das, was man ursprünglich einmal hatte.

Genau diesem Phänomen gilt es Rechnung zu tragen, will man sich nicht in der Auslegung eines biblischen Textes verirren, wenn man nur eine Variante vor sich hat. Manchmal ist es auch schon gut, nur mehrere Übersetzungen nebeneinander zu legen, will man sich nicht die Mühe machen, extra für die Lektüre des Neuen Testaments, einen Griechisch-Kurs zu besuchen. Die verschiedenen Übersetzer akzentuieren nämlich in ihren Übersetzungen bestimmte Merkmale unterschiedlich.

Gerade beim Neuen Testament sind es aber nicht nur Übersetzungsprobleme, die irritieren können und schon manchen Interpreten in die Irre geführt haben oder gar einen Ausleger mit der Etikette eines fundamentalistisches Auslegers versehen haben. Dass man bei einem Textkorpus, das eine so reiche Tradition hat wie das Neue Testament, besonders Acht geben sollte, bevor man sich auf die Äste hinaus wagt ist da schon fast nicht mehr erwähnenswert.

Zu diesem Thema gibt es auch interessante Videos bei Youtube: Der Bible Scholar Bart D. Ehrman erklärt in seiner Stanford Lecture den Sachverhalt in der Überlieferungsgeschichte des Neuen Testaments. Das Video ist in zehn Teile unterteilt. Folgend die Links: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10.