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Sonntags am Telefon

Ein üblicher Sonntagmorgen, Frau S. tischt das Morgenessen pünktlich um neun Uhr auf. Das Gewöhnliche: hart gekochte Eier, Himbeerkonfitüre, Butterzopf und Café Crème. Von diesem Programm abzuweichen gliche einem Staatsstreich.
Schön brav streichen Herr S. und Frau S. die Butter auf die Scheibe Zopf, Himbeerkonfitüre darauf. Als ob die Nachbarskinder nicht die ganze Zeit in der Wohnung herumrennen würden.

Frau S. packt den Telefonapparat, sie will Sohn S. anrufen. Der normale Klatsch, den sie Sonntags verbreiten muss. Die altbekannten Fragen, die man mit den vorgeschriebenen Antworten zu quittieren hat. Frau S. bekundet ihre Sorgen darüber, dass die Kinder von Sohn S. ihre Meerschweinchen mit der Wasserpistole bedrohen könnten. Der Sohn S. meint, es bestehe kein Grund zur Sorge, die Pistolen seien nicht mit Wasser gefüllt.

Und dann das: Kindergeschrei im Hintergrund. Herr S. mit der Pistole in der Hand. Frau S. am Telefon: Ihr Mann ziele auf die Nachbarskinder.

#28: Abblasen einer wichtigen Reise (122)

Bei allzu wüstem Wetter sollte man gewisse Dinge einfach abblasen. Während der Schulzeit war jeweils die Telefonnummer 1600 gefragt, wo Lehrerinnen und Lehrer auf ein Bändchen sprachen, ob ein Sporttag stattfinden werde oder nicht. Unglaublich teuer waren diese Telefonate auf das Bändchen, denn bis man endlich bei der richtigen Schule angelangt war, durfte man sich zuerst anhören, dass in einem Schulhaus eines Bergdörfchens im Wallis ein Sporttag durchgeführt werde, weil das Wetter so schön sei und dieser Sporttag beginne um 13 Uhr wie abgemacht im Turntenü.

Die Zeit dieses Telefondienstes ist wohl so gezählt wie diejenige des Zeitansage-Telefonbeantworters. Mit Internetzeit hat heute wohl jeder genauere Uhren als man sie je gestellt bekam, währenddem die Zeitansagerin noch Sekunden zählte, bis sie den Piepston abschickte. Der Telefondienst wird vielleicht allmählich durch Email-Massensendungen abgelöst oder auch weiterhin beibehalten.

Dass jemand keinen Computer hat, wird da so wenig nützen wie damals im 1997 als die Familie des Klassenkameraden keinen Telefonapparat hatte. Entschuldigt werden sie wohl dadurch, dass beim Haus, in dem sie wohnten, schon die Farbe total abgeblasst war. Wenn man genug genau hinguckte, konnte man sehen, dass sie stellenweise sogar abblätterte.

Bei Sporttagen oder Schulreisen waren die Mitglieder immer auf ein Buschtelefon angewiesen, denn an Gebüsch waren sie wiederum reich. Rund ums Haus wurden Bohnenstangen in den Boden gerammt, damit sich die Familie während des Winters von Bohnen ernähren könne. Nicht nur zu diesem Zweck waren die Bohnen während des Sommers wunderbar. Auch wenn ein Autofahrer, obwohl mitten im Dorf, vergessen hätte, abzublenden, also das Abblendlicht zu verwenden statt der Scheinwerfer, wäre diese Familie nicht geblendet worden.

Ob der Junge mal bei Regen an eine Schulreise gegangen ist, weil er die Nummer 1600 nicht direkt hören konnte? – Ob er einen Schaden erlitten hat, weil er die Zeitansage nicht abhören konnte, und so nicht in den Genuss einer Zeitmaschine kam. Vielleicht blitzt er jetzt bei anderen Dominas, wer will, kann hier auch dominae lesen, ab, weil er sich nicht lange hat überlegen können, was er dem Fräulein auf der anderen Seite sagen würde, wenn sie denn aus dem Telefonhörer herausstiege?

Auf jeden Fall weiss er jetzt, wie man damit umgeht, wenn man hinter den sieben Büschen lebt und im Regen, mutterseelenallein auf die Schulreise gehen will. Und was es braucht, damit man die anderen abblocken kann, wenn sie ihm erzählen, dass trotz des schönen Wetters die Schulreise am 1. April nicht stattfindet, weil das Wetter zu schön sei und man dann das gelbe Regenmäntelchen nicht brauchen könnte. Oder die Pelerine. Und das nach fauligen Eiern riechende Haarshampoo.

#10: Eine aasige Gemeinheit (99)

Hui, das war ja wieder mal aasig von dir; eine regelrechte Gemeinheit! Mit deinem Geierschnabel hätte man eigentlich gar nichts Anderes von dir erwarten sollen. Du bist ein richtiger Aast. Sprich mir nächstes mal auf den AB, dann muss ich mir nicht mehr live durch den Telefonhörer anhören, wie doll du mich findest. Dann habe ich Zeit, mich auf eine Retourkutsche vorzubereiten, das wäre dann wenigstens im Sinne einer Gleichberechtigung, denn du hattest auch schon lange Zeit, dich vorzubereiten. Ein A. B., also ein solches Bekenntnis soll es ja nicht gerade werden, aber dennoch könntest du ein wenig Rücksicht und Emphase gegenüber deinen Gesprächspartnern einbringen. Schliesslich leben wir nicht auf dem Mond, sondern in einem Spinnennetz mit lauter Geierschnäbeln! Da musst du nur genug schnell picken können, damit sie dich nicht spicken.

Wenn dich der Körnerfood in der langen Zeit nicht mehr sättigt, geh ab und setz auf die Nuss.

Geflickt und aufgesprochen (62)

Die Tasche ist zurück, es kann endlich wieder Freitag werden. Die Ecken wurden richtig gut geflickt, ich hätte nicht gedacht, dass es so kleine Spuren geben wird. Die Dres. Taschenärzte gehen weniger mit roher Gewalt daran als diejenigen, die am Kiefer rumwerkeln. Von der Schwellung ist an der Tasche nicht viel zu sehen: ein paar Stellen, die noch mehr an Lilien erinnern als die anderen, ansonsten scheint die Operation «Eckenflicken» genauso wie die Operation «Schnallenflicken» planmässig abgelaufen zu sein.

Weniger planmässig geht ein Telefongespräch vor sich, wenn ein Anrufbeantworter dazwischen geschaltet wird. Statt der erwarteten zeitlichen Unmittelbarkeit interveniert plötzlich ein Gerät, das teilweise versucht, den Gesprächscharakter aufrecht zu erhalten, anderseits aber dies eben durch die zeitliche Distanz verunmöglichen. Das Seminar «Fernmündlichkeit» fördert immer wieder interessante kommunikative Eigenheiten von medialem Sprechen zutage.

So haben wir am Material auch gesehen oder vielmehr gehört, dass der automatische Anrufbeantworter eigentlich ziemlich absurd ist:

guete obig frau *? da isch * vo de * ZÜRI. frau * – si händ mich=äh geschter versuecht zerrEIche=ich bin=äh abwesend gsi (.) äh jetzt han ichs=äh probiert– (.) leider erfOlgslos‘ ).= äh si chöne mich gern uf de telfonnumere 043 (*) erreiche. beschte dank und=äh schöne obig no.

* Aus Gründen der Diskretion wurden Namen ausgespart.

Ein «Gespräch», das kein eigentliches Gespräch ist, aber dennoch einige Charakteristiken eines Gesprächs trägt. Kommunikation, die nur zeigt, dass man zu einem Gespräch bereit gewesen wäre, aber leider keines zustande gekommen ist. Und erst noch Widerspruch in sich: Der Mann hat nicht erfolglos «probiert», schliesslich kommuniziert er im gleichen Moment mit dem automatischen Beantworter.

iphone_rufnummern

Foto: Asmythie, nach Creative Commons lizenziert.

Brauchen wir Beantworter überhaupt noch im Zeitalter der Rufnummernanzeige? Ist der soziale Nutzen des Zeigens, dass man an den anderen gedacht hat und «probiert» hat so gross, dass Anrufbeantworterkommunikation nicht vom Email abgelöst wird?

Für Analysen zu Problemen der Anrufbeantworterkommunikation möge man Knirsch konsultieren. Er hat seiner Dissertation ein Korpus von rund 400 Transkripten beigefügt.

Rainer Knirsch (2005): ‹Sprechen Sie nach dem Piep›. Kommunikation über Anrufbeantworter. Eine Gesprächsanalytische Untersuchung, Tübingen, Niemeyer. (= RGL 260)

PS: Dies erscheint hier, weil man – nebenbei bemerkt – Anrufbeantworterkommunikation auch herrlich unter textlinguistischen Merkmalen analysieren kann. Durch die Dekontextualisierung (vor allem zeitlich, aber auch örtlich), werden deiktische Mittel in einigen Situationen zum komischen Element.