Studium und Punctum

Bei Barthes bin ich immer wieder erstaunt, wie klar er das Phänomen der Fotografie zu fassen vermag mit zwei einfachen, aber althergebrachten Begriffen: Studium und Punctum. Im Moment finde ich vor allem die Konzeption des Studium sehr schön, weil er beschreibt, wie daran eine ganze Rezeptionskultur hängt. Eine Kultur, auf die man sich verlassen kann, in die man sich einüben kann, die – dies ist nicht Barthes Begrifflichkeit – man einüben kann und muss.

Das Punctum dagegen ist die Möglichkeit, von einem Bild angesprochen zu werden. Dies ist der Punkt, an dem ein Bild einen wirklich auch betrifft, und zwar nicht auf die Weise des Studium, sondern auf eine persönliche Weise, es ist eine persönliche Betroffenheit damit gemeint.

Der Begriff der Fotografie ist bei Barthes sehr emphatisch, oder vielleicht doch eher ontologisch, und zwar aus zwei Gründen: Einmal wegen der Beziehung, die zwischen dem Bild und dem Referenten besteht, es scheint da wirklich eine Entsprechung zu geben. Ich hatte in Erinnerung, dass diese emphatische Beziehung vor allem deshalb zustande kommt, weil er ausbuchstabiere, wie das Licht im Bild gespeichert ist, besonders auf dem Fotonegativ muss es ja eingebrannt sein. Der andere Grund ist die Abgrenzung von der Malerei, vielleicht ist es kein ganzer Grund, sondern eine Ergänzung zum vorhergenannten: Die Malerei hat nicht diesen strengen Bezug zum Referenten.

Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese auch von Barthes Herleitung kommt: Mit der Malerei teilt die Fotografie nämlich offensichtlich die Herkunft aus der camera obscura. Diese verleiht dem Bild eine Art Mythos, eine Abbildqualität, die ich so fast nur aus mittelalterlichen Bildtheorien kenne, die aristotelisch beeinflusst sind, und zwar auf eine ganz andere Weise.

Die Fotografie hat deshalb eine viel stärkere Dinglichkeit, als man einem Gemälde zuschreiben könnte.

Die Bildbeschreibungen finde ich dann eher schwieriger nachzuvollziehen, und dies hängt möglicherweise mit dem punctum zusammen, das er bei diesen Beschreibungen in den Vordergrund stellt. Es sind dort sehr perswönliche Beschreibungen, mit denen Barthes beschreibt, was er sieht, was ihm zu sehen möglich wird durch die Fassung seiner Fotografietheorie.

Der zweite Teil ist gänzlich dem Punctum gewidmet, und zwar wegen der Betrachtung des Bildes seiner Mutter. Hier referiert er auf Proust und seine Darstellung der Mutter, aber das scheint mir ein wichtiger Bezugspunkt zu sein für den ganzen zweiten Teil.

«Jede Photographie hat mich als Bezugspunkt, und eben dadurch bringt sie mich zum Staunen, daß sie die fundamentalen Fragen an mich richtet: warum lebe ich hier und jetzt? Zwar setzt die Photographie, mehr als jede andere Kunst, eine unmittelbare Präsenz in die Welt – eine Ko-Präsenz; doch ist diese Präsenz nicht nur politischer Natur, […] sondern auch metaphysischer Natur.» (Barthes, S. 95)

Poesietelefon

Was für eine einfache und grossartige Idee: Eine Telefonnummer, die man anrufen kann, die einem Poesie schenkt. Beim Basler Poesietelefon tauscht man reiche Lyrik gegen ein bisschen Zeit. Im Internetzeitalter wirkt es wie aus der Zeit gefallen, dass man eine Nummer anrufen kann, um sich Gedichte vorlesen zu lassen. Aber das konnte man in der Mediengeschichte mit dem Telefon bereits einmal, und zwar mit dem Operntelefon.

Wer keine Zeit für eine ganze Oper mitbringt, aber für mehrere Gedichte, muss diese Septemberwoche nutzen: Zum Tag der Poesie 2019 sind gleich mehrere Gedichte zu hören. Man wählt einfach eines aus, das einen besonders interessiert. Und ja, man könnte wieder einmal einen ganzen Tag am Telefon verbringen: 061 721 02 05.

Call a Poem!

Die Dinge des Alltags

Noch ist der Weg weit bis man nichts mehr wegzuwerfen hat: In der Weihnachtswoche war keine Entsorgungstour der Stadtwerke vorgesehen. Schnell gab es riesige Abfalltürme, die beseitigt werden mussten. Man stelle sich vor: Ein Berg mit Windeln, Plastikverpackungen, Resten von gutem Essen, und was da sonst so ist über die Feiertage.

Welche Geschichten hätten diese Haufen zu erzählen? Kürzlich fragte mich ein Nachbarsjunge, was ich mit meinem Kompostkübel denn mache. Und was es darin habe. Ich erklärte es ihm; die Eltern genierten sich sichtlich, sagten da sei nichts Anderes drin als bei ihnen auch. Aber vielleicht ja doch: Neben dem Voyeuristischen, das diese Eier- und Orangenschalen, der verwesende Filterkaffee und alles andere hatte, war da vielleicht etwas mehr in diesem Fragen: Was machen die Anderen anders als wir? Und mir gab das fragende Kind ein bisschen Aufmerksamkeit für Dinge des Alltags oder das, was von ihnen übrigbleibt.

Frühling bei Nebel


Woran merkt man bei Nebel, dass der Frühling da sein muss? Die Kindergartenkinder gehen ihres Weges und freuen sich auf Nachmittage im Schwimmbad. Die Kleinen überbieten sich in Phantasien, geben an, zehn Meter zu können. Was, vom Zehnmeter springst du? – Nein, ich kann zehn Meter schwimmen.
Und das an einem Tag, an dem man kaum den nebenan sehen kann.

Büchermenschen

Heute mit Hilde Domin im Kopf in die Stadtbibliothek gegangen, das war noch da aus einem Gespräch mit einer Schülerin. Ein paar Bücher holen, wie man das immer tut, aber mit offeneren Augen: Darum entdecke ich, dass dort in der Handschriftenabteilung ein Ausschnitt aus dem Gästebuch der Literarischen ausgestellt ist. Sie war im Jahr 1975 zu einer Lesung in der Literarischen und bedankt sich im Gästebuch für den schönen Abend. Das sind so schöne Erlebnisse im Leben eines Büchermenschen.