Wir Leser (125)

Wir tun es jeden Tag, nehmen dabei nicht einmal mehr war, was wir tun: Wir lesen Buchstaben, reihen Wörter, Phrasen und Sätze aneinander und wundern uns nicht einmal darüber, warum eigentlich? Sie tun es in eben diesem Moment auch.

Sobald der Sprung einmal geschafft ist, lesen wir ohne Mühe. Es ist vom Sprung der Alphabetisierung die Rede, die einem so viele Tore öffnet, die ganze Welten entstehen lässt, wenn man den Schilderungen erfahrener Leser, die vom Glück erzählen, das sie erleben, seit sie lesen, Glauben schenkt.

Dass der Weg zu diesem Glück nicht ganz so einfach ist, erleben immer wieder Menschen, denen das Geheimnis hinter den Buchstaben verschlossen bleibt, weil sie nicht in genügendem Mass an die Schriftkultur gewöhnt wurden. Ein schwieriges Befangen, denn wie soll man sich in einem Datendschungel wie dem Internet zurechtfinden können, wenn man nicht die Macht über die Zeichen inne hat?

Wenn wir uns zurückerinnern, ganz gleich, nach was für einem System man auch immer an die Buchstaben gewöhnt worden sein mag, musste man eine Verbindung zwischen dem abstrakten Bildchen und dem Laut, der dahinter stecken soll, herstellen. Dass hinter einem A auch tatsächlich der Buchstabe des Affen stehen soll und nicht derjenige des Nilpferds. Im Schulzimmer war – so entnehme ich es meiner Erinnerung – oben an der Wandtafel ein Alphabet abgebildet, das waren diese komischen Bildchen, und unterhalb ein Bildchen von einem Äffchen oder sonst bekannten Gegenstand.

Wir vertrauten der Lehrerin, und liessen uns in diese geheimnisverheissende Welt einführen, die uns einen Schritt näher zu den Erwachsenen bringen würde. Wir schrieben uns die Finger wund, bis wir die Buchstaben in perfekter Form vor uns stehen sahen. Dann sollten wir uns auch merken, welcher Laut dazu gehörte.

Aber bei dem, was das Lesen ist, waren wir da noch nicht angekommen, denn was nützt es, wenn man die einzelnen Buchstaben schreiben und erkennen kann? Ein Buchstabe kommt nämlich äusserst selten allein. Lautes Vorlesen wurde deshalb auch immer wieder geübt. Nicht so, dass wir zuerst leise vorbuchstabieren sollten, sondern gerade beim ersten Mal laut vorlesen! Damit man sich in der Schule nicht blamierte vor denen, die sowieso schon seit dem Kindergarten den Weg in die Schrift gefunden hatten, las man zu Hause umso mehr.

Laut vorlesend und über die Ohren das aufnehmend, was auf dem Blatt stand, konnte man einen Sinn sich erschliessen aus dem, was man da vor sich hin buchstabierte. Aber das klang so fremd, denn wo sprach man denn so, wie man las? Das, was uns als «Hochdeutsch» verkauft wurde, ein zusätzliches Mysterium, brachte uns in zusätzliche Schwierigkeiten, aber machte das Lesen wohl noch spannender.

Wenn man heute versuchen würde, Buchstaben nicht zu lesen, sondern sie bloss als Bild anzusehen, den Wörtern nicht zu folgen, sondern eine abstrakte Bildkomposition darin zu sehen, muss man dies zuerst erlernen. Buchstaben nicht mehr lesen zu können, wenn man einmal in das Geheimnis der Buchstabenkrämerei eingeführt wurde, soll fast unmöglich sein. Vielleicht ein so schwieriger Weg wie das Erlernen des Lesens selbst.

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