Archiv der Kategorie: Beobachtet

Heilige ausgestellt (96)

Das Landesmuseum zeigt mittelalterliche Büsten von Heiligen, die von ihrem Ausdruck nichts verloren haben, es scheint jedenfalls so. Bei näherem Hinsehen kann man bei einigen Büsten den Zahn der Zeit gut erkennen, denn Löcher von Holzwürmern beeinträchtigen die Oberfläche der hölzernen Skulpturen.

Als reformiert Aufgewachsener war mir die Welt der Heiligen eine ganz neues Erlebnis. Die Idee, dass man für jeden wichtigen Stand oder auch Berufsgattung einen Heiligen hat, den man anrufen kann, scheint mir deshalb auch ziemlich fremd und erinnert fast schon an eine polytheistische Ordnung, wie sie die Griechen oder Römer kannten, um dies aber wirklich zu beurteilen, will ich mich mehr mit den Heiligen auseinandersetzen.

Was ich nämlich äusserst spannend finde, sind die Legenden, die sich rund um die Heiligen herausbilden. Auch die bildende Kunst, wie sie gerade im Landesmuseum zu bestaunen ist und sie im Mittelalter betrieben wurde, ist erstaunlich. Es gibt nämlich äusserst feine Darstellungen, die eine Präzision zeigen, die das Vorurteil des dunklen Mittelalters mit einem Blick wegfegen.

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Zum Bild: Ausschnitt eines Fotos einer Maria Magdalena Statue, die nicht an der Ausstellung zu sehen war. Es ist von Nick in Exsilo und hier zu bewundern.

Dennoch wird auch die Ausstellung mit verschiedenen Lichteinstellungen gezeigt: Auf der einen Seite die mittelalterlichen Heiligen, die auch heute in der katholischen Kirche ihren Platz finden, auf der anderen Seite ein hell beleuchteter Raum, an dessen Wänden Worte zu finden sind. Ganz nach Luthers Leitspruch der Reformation «sola scriptura sui ipsius interpres». Es sind Worte von Reformatoren zu lesen, die ihrerseits Kommentare zum Umgang mit Bildern machen.

Liegt da eine Bewertung von Bild und Wort vor, wenn das Wort so hell und klar dargestellt wird, die Büsten aber in eher düsteren Räumen? – Oder sind das einfach Lichtverhältnisse, die aus konservatorischen Gründen gewählt wurden und den Besucher nicht zu interessieren haben? Sonst scheint nämlich die Wahl der verschiedenen Medien gut aufeinander abgestimmt, denn die Musik, die aus den Kopfhörern kommt und mit dem Verlassen eines Raumes automatisch wechselt, ist äusserst gelungen mit den plastischen Bildern der Heiligen kombiniert.


Kommentare einer Ausstellung (81)

Weisst du, diese Frau war einmal berühmt, aber das ist schon lange her.

Was überhaupt ist denn berühmt?

Weisst du, berühmt ist dann, wenn dich viele Menschen kennen, die du nicht kennst. Und diese Frau war berühmt, weil sie in Filmen mitgemacht hat, deshalb haben die Menschen diese Frau gekannt. Heute haben sie die Leute im Museum eingerahmt und aufgehängt. Ah, und das da nebenan ist Thomas Mann. Er war einmal Schriftsteller, weisst du, der hat ganz viele Bücher geschrieben.

Oh.

Und schau, das sind ganz ganz viele Mannequins.

Das Mädchen schaut ganz verwirrt.

Aber das sind doch Frauen?

Ah, ja. Weisst du, Mannequins sind Frauen, die sich ganz viele Kleider anziehen und sich dann fotografieren lassen. Sie probieren dieses Kleid an, dann machen sie eine Foto, dann noch ein anderes Kleid und wieder eine Foto.

Wow. Dann möchte ich Mannequin werden, wenn ich gross bin. Immer wieder andere Kleider anprobieren und dann eine Foto, stell dir das mal vor! Genau gleich wie diese vielen berühmten Leute. Und dann, wenn man alt ist, kommt man ins Museum und wird neben Schriftstellern, die ganz viele Bücher geschrieben haben, aufgehängt.

Urban density (80)

Die erste Folge von trans2flickr. trans2flickr: Der Versuch, flickr.com Fotos zu lesen. Translationen und Transformationen von Bildern in Sprache, von Bildern in Sprachgebilde. Ein Ausloten von Mediengrenzen.
Ein kleiner Vogel soll es gezeichnet haben, sagt das Bild. Ein klitzekleines, der grossen Welt angehörendes Spätzchen, das den Frühling von den Dächern pfeifen würde, wenn es denn schon Zeit dazu wäre.

Der Text zum Bild

Aber der Frühling lässt noch auf sich warten, wie das Bild vermuten lässt. Häuser, lauter Häuser sind zu sehen. Und dies nicht etwa frühlingshaft gekleidet.

Der Meinung des kleinen Vögelchens mit dem roten Herzen nach sollten die Häuser ihre urbane Identität nicht verstecken. Aber sie können auch gar nicht, denn sie sind es ja, die der Stadt ihren urbanen Charakter verleihen. Die Häuser kümmert das nicht.

Andere Häuser aber stehen nicht so charakterlos da. Sie stehen da schon seit langer Zeit, die einen schon seit hunderten von Jahren, die anderen erst neu zum Klub hinzugekommen. An den Häusern geht die Spur der Zeit einfach so vorbei; sie brauchen sich nicht einmal darum zu kümmern.

Wenn das Vögelchen, das dieses Bild gemalt hat, ein bisschen genauer hingesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, dass nicht alle so spurlos dastehen: Sie beherbergen den Puls der Zeit, deren Strömungen und Richtungen, den Geist der Zeit, aber auch den Zeitgeist und demonstrieren ihre Beschaffenheit.
Kulturdenkmäler mit Kreuzen in den Scheiben, ehrwürdige Rundbauten, ein Gebäude am anderen, Tür an Tor, das Mittelalter und die Moderne.

Alles kommt da zusammen, auch das, was das Spätzchen nicht sehen kann: Das Spätzchen selbst, das liebend gern schon den Frühling von den Dächern pfeifen würde; die Mauer, die den Frühling schon gar nicht mehr hören können, weil sie schon so viele Male nach den langen Wintern vom Frühling getäuscht wurden und jedes Jahr die Enttäuschung von neuem hinnehmen müssen.

Mit dem Frühling müssen sie sich nicht beschäftigen, denn die kleinen Vögelchen sagen es ihnen, wenn die Zeit gekommen ist.

Das Bild zum Text

Welches Flickr-Bildchen gehört dazu?

Farbe verbindet (76)

Sie fordert auf, Farbe zu bekennen. Dabei geht es darum, Geschmack zu zeigen. Auf eine farbige Schweiz, setzen intelligente Leute mit schwarzen Lettern. Fertig mit Schwarz-Weiss-Klischierung. Das Papier bekennt Farbe. Aber nicht roter Grund und weisses Symbol. Färblein, wir brauchen Färblein.

Logo-Anpassungen verhelfen den verbindenden Firmen zu einem farbigeren Image. Farbverläufe sind plötzlich in! Farben überall, wie Gummibälle in den Strassen. Wie Meerestiere auf der Shopping-Tour, einfach farbiger.

Beim Shoppen helfen noch andere. Notenbanken pumpen Milliarden ins System. Scheine fast wie eine Wiese im Frühling mit Krokussen, Narzissen. Nördlich der Gallia Cisalpina. Narzisstischer als Narziss. Und farbiger als Narzissen.

Es blüht schön, immer schöner. Die Blüten wandern akzeptiert, von Narziss zu Narziss. Zu viel Pump. Noch mehr Blut auf der Bank. Fertig, Millizsystem, wo ist die Farbe? Zu kreativ, nicht geladen? Fertig Schnee, die Grenzlinien sind aufgehoben.

Wir warten auf Zeus, mit Europa. Offene Arme statt Farbkessel.

Bücher aus Abfall (71)

Aus Abfall kann nicht nur eine ganze Armee im Sinne eines Kunstwerkes bzw. mehrerer Aktionen entstehen, auch Bücher sollen aus Abfall entstehen.

Kathrin Schadt hat bei der Zeit eine lesenswerte Reportage veröffentlicht, die beschreibt, wie in Buenos Aires Bücher in Handarbeit entstehen. Viele Cartoneros arbeiten im Projekt Eloísa Cartonera mit. Und es entstehen äusserst bunte, bisweilen auch individuelle Buchumschläge.

Der Kleinverlag druckt ihre eigenen Anthologien und veröffentlicht die Avantgarde der lateinamerikanischen Literatur. Interessante Zusammenstellungen: Poesie und Kurzprosa, was den Literaten eben gerade einfällt.

So schnell werden diese Bücher wohl nicht wieder zu Abfall. Die Bücher sind schon Kunstwerk genug, dass sie nicht wiederverwertet werden brauchen.

(Kunstwerke aus Büchern: via siebensachen)