Schlagwort-Archive: Bibliothek

Linkeria #7 (Woche 42, 2009)

  • «Wir wollen fahren, bis wir 90 sind!»: Interview mit einem Ehepaar, das seit 25 Jahren auf Rädern ist. Zuerst lebten sie von den Zinsen des Ersparten, dann vom Ersparten und einem unverhofften Erbe, jetzt von der Rente (mit der sie in der Schweiz Sozialfälle wären).
  • Vier politische Variationen auf Jorge Luis Borges: Rüdiger Wischenbarts Rede zum österreichischen Bibliothekarstag 2009: Über die Zukunft der Bibliothek und die Vereinfachung des Zugangs zum Wissen mit der digitalen Revolution.
  • Gefangen im Paradies: Ein Essay über den Inselkoller und gleichzeitig über Grenzerfahrungen, die Welt und das Paradies, das sich der Mensch gerne als Insel vorstellt. «Der Inselkoller ist kein universales Phänomen, er ist ein lokales, ein sehr lokales. Je kleiner die Welt, desto wilder tritt er auf.» (Leider nur teilweise online)

Linkeria: Jeden Samstag 3 Links und Kürzestzusammenfassungen zu interessanten, visionären, relevanten und lesenswerten Texten aus dem Web. Anregungen werden gerne per Mail entgegengenommen: linkeria [affenschwanz] textworker [punkt] ch

Linkeria #1 (Woche 36, 2009)

  • Drei Definitionen eines Lesers: Die ganze Evolution des Lesens: Ein Leser unter dem Baum, ein Leser als Arbeiter und zuletzt die Lesemaschine (dazu gibt es auch einen Link). Mandy Brown beschreibt schön diese drei Stationen des Lesens in ihrer wunderbaren Working Library, die man am ehesten mit Präsenzbibliothek übersetzen könnte, aber damit auch die ganze Bibliothek entmystifiziert, weil das Lesen aus dieser Art der Bibliothek so sehr nach Arbeit klänge. Ausserdem ist der Artikel zu den Lesetypen auch ein Teil des Argumentariums gegen Feedreader.
  • Series and Databases: Ivan Hagedoorn, selbst Fotograf, Choreograf  und Forscher, macht sich darüber Gedanken, wie sich die Fotografie mit der Zuhilfenahme von Datenbanktechnik verändert. Dabei skizziert er den Weg vom traditionellen Take, der an einem Ort stattgefunden hat, bis zur Fotografie, die Fotos mit Tags versieht und über Schlagworte Zusammenhänge herstellt.
  • Deutsch ist wie eine Hausfrau: Surreale Fragen von Roger Willemsen an Maria Cecilia Barbetta, die aus Argentinien kam und deutsch schreibt: «Die deutsche Sprache fungiert als Aushängeschild. Sie ist die Tür in andere Wirklichkeiten, seien Sie sich dessen gewiss.»
  • Linkeria ist eine neue Kategorie innerhalb dieses Weblogs: Jeden Samstag 3 Links und Kürzestzusammenfassungen zu interessanten, visionären, relevanten und lesenswerten Texten aus dem Web. Anregungen werden gerne per Mail entgegengenommen: linkeria [affenschwanz] textworker [punkt] ch

    Bibliothek für Blogs

    In dieser Spalte ging es schon das eine oder andere Mal um Bibliotheken. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie eine ideale Bibliothek aussehen könnte, beispielsweise so wie Bienenwaben. Waben haben mathematisch gesehen eine ideale Oberflächenstruktur, habe ich mir sagen lassen, nachdem ich den Artikel geschrieben hatte.

    Aber das sind ja alles Altlasten. Heute soll hier ein Projekt genannt sein, das hohes Zukunftspotenzial führt: Die Blogbibliothek, lanciert von Thinkabout und Yoda, die beide Blogs als Orte (oder Nichtorte) für gute Texte fördern wollen.

    Dabei sammeln sie Texte und Blogs, die man gerne liest, und die sich nicht «Bloggen übers Bloggen» auf die Fahne geschrieben haben. Die Bibliothek von Yoda und Thinkabout soll Perlen im grossen Blogmeer finden, gleichzeitig natürlich auch Lesern die Perlen schmackhaft machen.

    In einer ruhigen Minute findet man so in der Blogbibliothek interessante und vor allem lesenswerte Texte, die man bei gezieltem Suchen vielleicht nicht gefunden hätte, weil auch Texte vertreten sind, die in den Google-Resultaten nicht an prominentester Stelle erscheinen.

    Und es kommt noch besser: Wer selbst lesenswerte Blogs und gute Texte aus Blogs gefunden hat, die er in der Bibliothek verewigen will, kann selbst Vorschläge an das Redaktionsteam der Bibliothek schicken. So mehren sich die Perlen im eigenen Kästchen. Ach ja, und natürlich führen die beiden einen Blogbibliothek-Blog.

    Mehrkarteien-System

    Umberto Eco ist bekanntlich nicht nur ein renommierter Schriftsteller, der sich mit «Der Name der Rose» weltweit einen Namen gemacht hat: Er ist auch in der Wissenschaft ein Name, mit dem sich Sprach- und Literaturwissenschaftler auseinander setzen, vor allem dann, wenn sie sich mit Semiotik beschäftigen.

    In viel allgemeinerer Weise ist ein Buch Ecos im Umlauf, was auf Deutsch den Titel «Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt» trägt. Ein Buch, das einem nicht nur für die Abschlussarbeit nützt; man sollte sich dieses nette Büchlein am besten gleich am Anfang des Studiums zu Gemüte führen, schliesslich finden sich darin allgemeine Tipps zum richtigen Bibliografieren, der Organisation von Zusammenfassungen, Exzerpten und allerhand Dingen, die für den wissenschaftlichen Alltag von Belang sind.

    Dies geschieht nicht auf oberschulmeisterliche Art und Weise, sondern in einem Ton, der sich angenehm liest. Statt eines Drohfingers zeigt das Buch bloss Beispiele auf, die sogar der naive Wissenschaftler, der sich mit Wissenschaft noch gar nicht auskennt, als lustig empfindet.

    Eco plädiert in seinem Buch dafür, dass man sich mehrere Karteien anlegt, während man arbeitet: Eine Titel-Kartei, in der man alle Titel verzeichnet, die man suchen möchte und eine für Notizen. Ob und wie sich diese Aufteilung halten lässt mit den elektronischen Hilfsmitteln, die in der 4. Auflage, die ich gerade vor Augen habe, noch nicht wahnsinnig verbreitet waren, bleibt zu diskutieren oder in einer neueren Auflage nachzuschauen.

    Bibliografische Angaben: Eco, Umberto: Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. 4. Auflage der deutschen Ausgabe, Heidelberg, 1991. (Seither sind schon unzählige Auflagen nachgedruckt worden.)

    Der Karteikasten im digitalen Zeitalter

    Wer sich gelegentlich Zitate aus Gelesenem notiert und die Notizen gerne weiterverwenden möchte, stösst analog schnell an seine Grenzen. Gedanken zu Zettelkästen und digitalen Zettelkästen weitergedacht.

    Elektronische Weichware statt brüchiges Papier

    Wenn man sich doch gleich von Anfang an für eine Software begeistern und entscheiden könnte, hätte man am Schluss nicht die doppelte Arbeit. Zuerst hatte ich ja gedacht, dass ich Zitate beim Lesen auf physischen Zetteln sammeln würde. Da habe ich ja auch noch ein Plädoyer für das gute alte Papier geschrieben. Zurückziehen soll man solche Plädoyers nicht, denn sie haben immer noch einen Punkt, der nicht vernachlässigt werden will: Das Suchen und zufällige Finden eines Zettels, den man gar nicht gesucht hätte, indem man blättert, geht mit der elektronischen Verschlagwortung verloren. Ein Nachteil, den man wohl verschmerzen mag, wenn man die Vorteile eines elektronischen Zettelkastens sieht.

    Digitaler Datensalat

    Ein grosses Problem hat ein analoger, also papierner Zettelkasten, schnell einmal mit digitalen Daten, die sich auf unseren Festplatten in immer grösseren Mengen anhäufen: Hier ein Schnipsel eines Musikstücks als mp3, da ein Bild, das man elektronisch gefunden hat, dort ein Digitalisat eines Films, den man auf Youtube heruntergeladen hat, sprich ein Haufen an verschiedenen Formaten, die alle an einen Ort gepresst werden wollen. Bilder könnte man ja immerhin noch ausdrucken, solange sie Schwarz-Weiss sind, kein Problem in meinem Fall; sobald es aber farbige Bilder sind heisst es zum nächsten Copyshop rennen, denn der Laserdrucker vermag es nicht, farbige Bilder aus sich heraus zu zaubern.

    Multimedial organisiert

    Über Musikstücke soll man den händisch angelegten Zettelkasten gar nicht ausfragen, was soll der mit einem mp3-File anfangen? Der geübte Musikus könnte sich Akkordreihenfolgen notieren oder gar ganze Partituren vom gehörten Material anfertigen, aber wie denn solche Informationen in einen Index einarbeiten? Mit viel Phantasie würde man sich ein Ordnungssystem aneignen, das einem im nächsten Moment wie eine Unordnung vorkommt: Die Akkorde sind irgendwo aufgeschrieben, die Partituren irgendwo gelagert, bloss wo?

    Litlink unter die Haube geschaut.

    Screenshot: Litlink organisiert die Buchdaten, Exzerpte und Kommentare.

    Elektronisch: Karteikasten für den kleinen Ordnungshelden

    Und da sind wir denn auch schon beim springenden Punkt, der den Karteikasten aus dem Rennen ausscheiden lässt: der Index will fein-säuberlich nachgeführt sein, Stichworte kontrolliert und die Karten an der richtigen Stelle im System eingeordnet sein. Wer dabei nicht der grosse Ordnungsheld ist, hat das Spiel schnell verloren, wenn er denn eine einigermassen grosse Zahl an Zitaten beisammen hat. Dies natürlich auf Zetteln, die alle gleich aussehen, sich nur durch die Dinge unterscheiden lassen, die ins Papier eingeprägt sind. Kommt da mal etwas ein bisschen durcheinander, vertauscht beispielsweise Zettel 35/5a seinen Platz mit Zettel 27/3c und kommt ein Windstoss, der Zufallsgenerator spielt, so ist die ganze Arbeit schnell verloren oder ein grosser Stapel Arbeit wartet darauf, vollbracht zu werden: Eine Woche lang würde dann auf der Pendenzenliste stehen, dass der Karteikasten eine Sortierung benötige.

    Automatische Sortierung und Bibliografie-Stile nach Strickmuster

    Diese Sortierung übernimmt Litlink automatisch. Man braucht lediglich Schlagwörter anzugeben, kann Notizen und Zitate den Buch- und Personeneinträgen zuordnen, wobei diese miteinander verlinkt werden. Sucht man nun nach einem bestimmten Schlagwort, kann man immer noch auf zufällige Dinge stossen, recherchiert man gründlich in der Kartei, kann man sogar Gedanken finden, von denen man gar nicht mehr weiss, dass man sie je einmal gehabt hatte. Und der grösste Vorteil: Es lassen sich verschiedene Bibliografie-Stile einrichten, mit denen man die Ausgabe von Bibliografien automatisieren kann und je nach Anforderung anpassen kann, ohne mühsam jeden Eintrag manuell abzuändern.

    Der steinige Weg zur digitalen Sammlung

    Bis man allerdings alles in seiner digitalen Form hat, vergeht eine gewisse Zeit. Die Monografien, Sammelbände und Aufsätze wollen zuerst aus irgendeinem Bibliothekskatalog importiert und mit den eigenen Bemerkungen annotiert sein, dann erst hilft einem die Datenbank etwas. Funktioniert einmal alles, soll man von einer tollen Gedächtnisstütze profitieren können. Ganz nach dem Luhmannschen Zettelkasten, mit dem man sogar kommunizieren könne.

    Literaturhinweise und Download-Links:

    [1] Alte Gedanken zu Zettelkästen: 19.8.2007: Zettelkasten oder Tags?; 1.5.2008: Lieber Zettelkasten statt Tags.
    [2] Lit-Link: Zettelkasten-System, das auf einer Filemaker-Datenbank basiert. Wird an der Universität Zürich entwickelt und stetig verbessert.
    [3] Luhmann, Niklas (1992): Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. In: Derselbe: Universität als Milieu, Bielefeld: Haux, 53–61.