Für und wider den Gottesdienst (82)

Einen schönen Text kann man in der heutigen Ausgabe des Stadtblatts lesen. Die Pfarrerin Ruth Näf Bernhard zeigt Gründe dafür auf, sonntags nicht in die Kirche zu gehen.

Im gleichen Atemzug nennt die Pfarrerin aber auch Beweggründe für den sonntäglichen Kirchengang, obwohl sie am heutigen Sonntag selbst nicht in die Kirche gehen wird, sondern die Sportferien geniessen will.

In jedem Gottesdienst besteht die Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes mit mir passiert. Drinnen-Sein kann Draussen-Sein verändern.

Mit diesen schönen Worten weckt die Pfarrerin die Neugierde am Gottesdienst. Die Kraft der Veränderung soll den Menschen dazu bewegen, in die Kirche zu gehen und die feierliche Stimmung in den Sonntag mitzunehmen.

Der Artikel im Stadtblatt kann auch online gelesen werden, denn seit das Stadtblatt die erste Gratis-Sonntagszeitung ist, erscheint die ganze Ausgabe als PDF. Wer also keinen Briefkasten in Winterthur stehen hat, kann trotzdem in den Genuss von reflektierten Texten kommen, wie man es von Gratiszeitungen gar nicht gewohnt ist.

Kommentare einer Ausstellung (81)

Weisst du, diese Frau war einmal berühmt, aber das ist schon lange her.

Was überhaupt ist denn berühmt?

Weisst du, berühmt ist dann, wenn dich viele Menschen kennen, die du nicht kennst. Und diese Frau war berühmt, weil sie in Filmen mitgemacht hat, deshalb haben die Menschen diese Frau gekannt. Heute haben sie die Leute im Museum eingerahmt und aufgehängt. Ah, und das da nebenan ist Thomas Mann. Er war einmal Schriftsteller, weisst du, der hat ganz viele Bücher geschrieben.

Oh.

Und schau, das sind ganz ganz viele Mannequins.

Das Mädchen schaut ganz verwirrt.

Aber das sind doch Frauen?

Ah, ja. Weisst du, Mannequins sind Frauen, die sich ganz viele Kleider anziehen und sich dann fotografieren lassen. Sie probieren dieses Kleid an, dann machen sie eine Foto, dann noch ein anderes Kleid und wieder eine Foto.

Wow. Dann möchte ich Mannequin werden, wenn ich gross bin. Immer wieder andere Kleider anprobieren und dann eine Foto, stell dir das mal vor! Genau gleich wie diese vielen berühmten Leute. Und dann, wenn man alt ist, kommt man ins Museum und wird neben Schriftstellern, die ganz viele Bücher geschrieben haben, aufgehängt.

Urban density (80)

Die erste Folge von trans2flickr. trans2flickr: Der Versuch, flickr.com Fotos zu lesen. Translationen und Transformationen von Bildern in Sprache, von Bildern in Sprachgebilde. Ein Ausloten von Mediengrenzen.
Ein kleiner Vogel soll es gezeichnet haben, sagt das Bild. Ein klitzekleines, der grossen Welt angehörendes Spätzchen, das den Frühling von den Dächern pfeifen würde, wenn es denn schon Zeit dazu wäre.

Der Text zum Bild

Aber der Frühling lässt noch auf sich warten, wie das Bild vermuten lässt. Häuser, lauter Häuser sind zu sehen. Und dies nicht etwa frühlingshaft gekleidet.

Der Meinung des kleinen Vögelchens mit dem roten Herzen nach sollten die Häuser ihre urbane Identität nicht verstecken. Aber sie können auch gar nicht, denn sie sind es ja, die der Stadt ihren urbanen Charakter verleihen. Die Häuser kümmert das nicht.

Andere Häuser aber stehen nicht so charakterlos da. Sie stehen da schon seit langer Zeit, die einen schon seit hunderten von Jahren, die anderen erst neu zum Klub hinzugekommen. An den Häusern geht die Spur der Zeit einfach so vorbei; sie brauchen sich nicht einmal darum zu kümmern.

Wenn das Vögelchen, das dieses Bild gemalt hat, ein bisschen genauer hingesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, dass nicht alle so spurlos dastehen: Sie beherbergen den Puls der Zeit, deren Strömungen und Richtungen, den Geist der Zeit, aber auch den Zeitgeist und demonstrieren ihre Beschaffenheit.
Kulturdenkmäler mit Kreuzen in den Scheiben, ehrwürdige Rundbauten, ein Gebäude am anderen, Tür an Tor, das Mittelalter und die Moderne.

Alles kommt da zusammen, auch das, was das Spätzchen nicht sehen kann: Das Spätzchen selbst, das liebend gern schon den Frühling von den Dächern pfeifen würde; die Mauer, die den Frühling schon gar nicht mehr hören können, weil sie schon so viele Male nach den langen Wintern vom Frühling getäuscht wurden und jedes Jahr die Enttäuschung von neuem hinnehmen müssen.

Mit dem Frühling müssen sie sich nicht beschäftigen, denn die kleinen Vögelchen sagen es ihnen, wenn die Zeit gekommen ist.

Das Bild zum Text

Welches Flickr-Bildchen gehört dazu?

Aber der Zug rollt doch noch (79)

Heute am Bahnhof: Es herrscht eine riesige Aufregung. Nein, diesmal nicht, weil der Strom ausgefallen wäre (wie am Tag zuvor), sondern – was einem Pendler oder einer Pendlerin gar nicht als bemerkenswert auffallen
würde – weil sich der Zug noch im Rollen befindet, währenddem sich die Türen öffnen.

Das Gespräch – leider nicht O-Ton, sondern ein aus dem Gedächtnis rekonstruiertes Transkript. Ich weiss, dass ich mich damit in Teufels Küche begebe, denn kein Gedächtnis kann ein Gespräch so gut in Erinnerung behalten, dass es dem tatsächlichen Gespräch entspricht; dies sei mir hier aber verziehen. Abgesehen vom inhaltlichen Dilemma der Gesprächswiedergabe stellt sich auch eine sprachliche Schwierigkeit: Meine Erinnerungen sind in einem Zürcher-Dialekt, obwohl sich die beiden Gesprächspartner in einem Thurgauer-Dialekt unterhielten.

Aber auch das wollen wir hier als Nebensache behandeln. Ausschlaggebend, auch für diesen Blog-Beitrag, ist das Faktum, dass das Gespräch etwas Alltägliches zum Extraordinären macht. Der Alltag wird dadurch spannender, nachdenklicher und bestimmt auch lebenswerter, denn «normal» geglaubte Strukturen werden aufgebrochen und hinterfragt.

Mädchen: Aber dä fahrt ja no.

Mutter: Ja, das schtimmt.

Mädchen: Dä Maa isch abär vorhär uusgschtigä und dä Zug isch no gfahrä.

Mutter: Aber nur ganz langsam, das isch dänn nid so schlimm.

Mädchen: Aber jetzt hät är ganz aghalte. Jetzt chömmer usschtige.

Dies der Kommentar einer jungen Zugfahrerin und ihrer Mutter, als die S8 aus der Richtung Frauenfeld kommend, bevor sie ausstieg und der Beobachter dieser Begebenheit sehnsüchtig darauf wartete, endlich aufs Trittbrett aufzuspringen.

Leider nicht ganz so spektakulär wie die Brüder in Indien auf den Darjeeling Limited aufgesprungen sind, dafür aber für eine umso kürzere Bahnfahrt, die ausser einigen «gut» riechenden Mitfahrenden, und dies sogar im Winter!, nicht wahnsinnig Spektakuläres oder Sinnliches zu Tage gefördert hat.

Seelese und Mammut (78)

Einmal die Zeit der Lektüre auf dem Zürisee zu verbringen ist eigentlich schon seit dem Anfang meines Studiums vor nun schon bald drei Semestern geplant. Ich stellte es mir unglaublich abwechslungsreich vor, einmal auf dem See zu lesen statt immer an Land. Das ZVV-Verbundsabo hätte es sogar erlaubt, ohne zusätzliche Kosten auf dem Zürisee eine Runde zu drehen und in fremde Welten einzutauchen. Jetzt kommt aber schon der zweite Winter und meine Füsse haben immer noch nicht auf einem Kursschiff am Zürisee gestanden. Eine ernüchternde Zwischenbilanz.

Dafür aber brachte mich ein Segelkurs des akademischen Sportvereins Zürich aufs Wasser (und ab und zu auch ziemlich unfreiwillig ins Wasser!). Das hektische Führen eines Katamarans erlaubte allerdings nicht, sich auf dem Boot in die Lektüre zu vertiefen, sondern    verlangte Konzentration auf Wasser, Wind und die ziemlich heimtückischen Wenden, die manchmal auch in einer Halse und im schlimmsten Fall im Kentern endete. Schon am ersten Tag wäre das Buch nass geworden. Da blieb einem nichts anderes übriges als die Lektüre auf der Strandliege zu bevorzugen.

Dass ich es erst vor kurzem endlich einmal ins Zoologische Museum der Universität Zürich geschafft habe, um zu erfahren, dass das vermeintliche Mammut nur ein Riesenfaultier ist, macht mich schon fast ein wenig stolz. Aber auch das Hochgefühl des Stolzes will hier relativiert sein, denn ganz ohne die Überredungskünste der Teilnehmer in meinem Tutorat wäre es wohl nicht so schnell gegangen, bis ich einen Tritt in die Heimat der ausgestopften Tiere gewagt hätte.
An irgendeinem schönen Sommertag werde ich es aber wohl doch noch schaffen, auf ein Schiff am Zürisee zu klettern.

Am besten wäre wohl der Termin der zweiten Jungfernfahrt der Panta Rhei, denn es wäre sowohl für den lesenden Passagier als auch für das Schiff zum zweiten Mal Premiere auf dem Zürisee.