Linkeria #26: Buchstabenmeer (Woche 9, 2010)

  • In Defense of Readers: Mandy Brown von A Working Library schreibt neuerdings auch für A List Apart. Auch hier schreibt sie für Leser. Wenn sie den Leser verteidigt, verteidigt sie die Solitude, in der Lesen passiert: «Reading is a necessarily solitary experience—like dying, everyone reads alone—but over the centuries readers have learned how to cultivate that solitude, how to grow it in the least hospitable environments.»
  • Books in the Age of the iPad: Craig Mod über Inhalte, die man gut am iPad lesen kann. Und über Bücher, die Bücher bleiben müssen. Statt tote Bücher um die halbe Welt zu fliegen, möchte er von den digitalen Distributionskanälen profitieren: «You already know the potential gains: edgier, riskier books in digital form, born from a lower barrier-to-entry to publish. New modes of storytelling. Less environmental impact. A rise in importance of editors. And, yes — paradoxically — a marked increase in the quality of things that do get printed.» [via anmut und demut]
  • Microsoft’s Courier ‚digital journal‘: Der letzte Schrei aus Microsofts Häfen. Ein digitales Moleskine. Warum nicht schon eher?

Jeden Samstag 3 Links und Kürzestzusammenfassungen zu interessanten, visionären, relevanten und lesenswerten Texten aus dem Web. Anregungen werden gerne per Mail entgegengenommen: linkeria [affenschwanz] textworker [punkt] ch

Hacking Text

Internet ist frei von jeder Romantik. Es hat die wirtschaftlichen Ströme revolutioniert: Wir können jederzeit wissen, wo sich unsere Pakete befinden, wohin die Waren geschickt werden und woher sie kommen. Wir haben alle Informationen.

Karteistapel

Und doch nicht: Viele Texte sind nicht online greifbar oder nur gegen Plastik. Das Problem besteht aber schon seit den Anfängen von Hypertext, wie Mai 1991 beschrieben hat:

«The most important question from a Kristevian point of view is again a political one: who provides, under which conditions, which kind of access to whom. Current database management is conspicuously concerned with questions as to which ‹privileges› are accorded to which users. Only an accomplished hacker would be ‹intertextually free› (in Barthesian sense) to follow up any kind of textual connection – but, at the same time, subject to legal restrictions which try to secure the private property of information.» (50–51)

Nur Hacker sind in intertextueller Freiheit. Müssen Leser Hacker werden? Internauten aller Welt, vereinigt euch!

Literatur:

Mai, Hans-Peter (1991): Bypassing Intertextuality. Hermeneutics, Textual Practice, Hypertext. In: Plett, Heinrich Franz (Hg.): Intertextuality. Berlin: de Gruyter (Research in text theory, 15), S. 30–59.

Linkeria #25: Zweifler (Woche 8, 2010)

Jeden Samstag 3 Links und Kürzestzusammenfassungen zu interessanten, visionären, relevanten und lesenswerten Texten aus dem Web. Anregungen werden gerne per Mail entgegengenommen: linkeria [affenschwanz] textworker [punkt] ch

Metafiktion

Bibliotheken, die sich eigene Buchbindereien leisten, gibt es ja nur noch selten. Selten sind die Bücher vor ihren Lesern geschützt: Mit Plastikfolie, die Praktikanten lieben lernen, wenn sie sich wieder lösen lässt. Die Bibliotheken mit Buchbindereien jedenfalls wollen ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild ihrer Bücher sichern, sie schaffen sich damit sozusagen ihre Corporate Identity.

Frau von Mythenmetz

Ein Buch schlägt farblich stark aus dieser Corporate Identity heraus. Grau statt grün-bräunlich, aber mit der bekannten Signaturmarke, der Signaturschrift und der Beschriftung mit dem Autorennamen. Schlimmer als Katalogisieren muss es sein, dem Buch eine solche Identität zu geben: Kataloge verleichen mit der Zeit, Bücher verschwinden. Aber Bücher verschwinden nicht aus ihrer Identitätshülle. Sie nehmen nur manchmal seltsame Hüllen an wie im Fall der Stadt der träumenden Bücher von Walter Moers: Alles ist Fiktion. Und in diesem speziellen Fall ohnehin: Ein besonders eifriger Katalogisierer hat die fiktive Autorin, deren fiktiver Übersetzer Walter Moers ist, zur Beschriftung des Buches gemacht. Gratuliere, Frau von Mythenmetz!