Handschriften

Zu Handschriften geht eines der Seminare dieses Semesters. Endlich mal lesen lernen! Das ist doch etwas für Literaturwissenschaftler. Und dann immer auch noch ein bisschen versuchen, genetische Rekonstruktionen herzustellen, so richtig handfestes Zeugs mit psychoanalytischem Potenzial.

Aber die Abgründe der Entstehung dieser Handschriften interessieren ja nur die Auditoren, die’s im Seminar nicht gibt. Und weil die Kurrentschrift bei jedem Autor anders aussieht, so war das mit Handschriften eben, lesen wir uns bei verschiedenen ein: Walser, Goethe, Heine.

Das schöne daran: Nach der Knobelei stehen nicht ausgefüllte Kreuzworträtsel oder Sudokus, sondern Texte, an denen wir uns nach dem Entziffern erst recht die Zähne ausbeissen.

Damals nannte man das noch Philologie.

Gelesen: Der Tod des Iwan Iljitsch

«Und nun ließ er in seiner Phantasie die besten Minuten dieses angenehmen Lebens an sich vorüberziehen. Allein, wie sonderbar, all diese besten Minuten angenehmen Lebens schienen jetzt gar nicht mehr das zu sein, was sie ihm vordem gewesen. Alle, alle mit Ausnahme erster Kindheitserinnerungen. Dort, in der fernen Kindheit, lag etwas wahrhaft Angenehmes, mit dem man auch heute noch hätte leben können, wenn es nur wiederkehren wollte. Freilich war der Mensch, dem dieses Angenehme widerfahren, nicht mehr da: es war gleichsam nur die Erinnerung an einen anderen.» (80)

Tolstoj, Leo. Der Tod des Iwan Iljitsch. Erzählung. Stuttgart: Reclam, 1986.

Tituliert

Seit letzter Woche darf ich mich nun offiziell mit dem Discountertitel Bachelor of Arts UZH schmücken. Dass das etwas mit Discounter zu tun hat, hat man uns am Anfang des Studiums noch nicht gesagt. Wenn das Studium schon zum Punktesammeln wird, muss der Festredner sich in der Abschlussrede wohl dieses sprachlichen Registers bedienen.

Ein Apéro einzig und allein für uns, die Bachelors und die Masters, die abgeschlossen haben. Eine Feier im grossen Lichthof der Universität, wo in den letzten Jahren getrunken, wo gegessen, gearbeitet, geschwitzt, wo geschwatzt und Zeit vertrödelt wurde, wo der jährliche Aderlass stattfand, wo weiche Knie kuriert, und wir uns unter Nike von Samothrake die interessantesten Thesen um die Ohren schlugen.

Kurz vor der Feier habe ich alle Seminararbeiten aus den Ordnern rausgesucht und aufeinander gestapelt. So ist ein Stapel zum Vorschein gekommen, von dem ich nicht gedacht hätte, dass der so gross sein würde.

Und die Listen, die da in diesem Diplom enthalten sind, einmal auf Deutsch mit zwei Siegeln, einmal Englisch ungesiegelt, Leistungsnachweise nach Fächern aufgeteilt und zum Schluss noch sechsundzwanzig Punkte, die nirgends angerechnet werden konnten. Listen, die nachprüfbar machen sollen, welche Leistungen erbracht wurden. Einmal 4 ECTS, einmal 10 ECTS, einmal 8 und 2 und 3.

Die Sammelei muss weitergehen.