Telefonmenschen

Wir sind Telefonmenschen, tragen unsere Telefone überall hin. Die sagen, ohne Telefone seien sie nichts. Sie bekommen ein Phantomvibrieren in der Hosentasche, wenn sie es nicht haben. Wenn sie keine Verbindung zum Internet haben und keine Sms.

Im Zug denken wir uns den Gesprächsteil auf der anderen Seite der Linie dazu. Wir lachen über unsere Einfälle. Die richtigen Telefonmenschen sind genervt über Telefone im Zug. Die richtigen brauchen eine Telefonzelle zum Telefonieren.

Richtige Telefonmenschen können ihr Telefon nicht herumtragen. Nicht einmal im Haus. Richtige Telefonmenschen haben ein Telefon der PTT, das sie zuerst mieteten und irgendwann kauften. Das hängt an der Wand oder es steht auf dem Schreibtisch. Sie sehen nicht wer anruft und haben keinen Telefonbeantworter.

Die haben ein Adressbuch mit den Nummern ihrer Gesprächspartner. Es liegt direkt neben dem Telefonbuch. Mal schreiben sie mit Bleistift rein, damit sie wieder Platz machen können, mal mit Kugelschreiber. Richtige Telefonmenschen haben mitgemacht, als die Telefonnummern um eine Ziffer erweitert und die Zahlenkombinationsmöglichkeiten ins Unendliche gesteigert wurden. Sie haben ihre Telefonnummern geändert.

Richtige Telefonmenschen schauen ihr Telefonbüchlein durch, wenn ihnen langweilig ist. Und rufen den an, den sie schon lange nicht mehr gesprochen haben.

Das Telefon ist unser Tor zur Welt.

BITTE ANTWORTEN

Im Moment beschäftige ich mich gerade textlinguistisch mit Lesbarkeitshinweisen. Wie ich gerade merke, könnten E-Mails ganz interessant sein, denn auf welche Referenz von Welt soll man antworten bei einer solchen Mail, lieber Peter Wong. Ich verstehe, dass es ein dringendes Bedürfnis ist, dass ich Ihnen antworte (typografisch angedeutet durch die Versalschreibung).

Ich bin auch interessiert an grossen Geldsummen, die Sie zu haben scheinen. Sonst würden Sie keinen Hinweis darauf machen, dass Sie gro?e Geldsummen transferieren möchten (– oder weshalb sonst würden Sie mir überhaupt eine Mail schreiben, die ich aus meinem Spam-Ordner retten soll?).

Wo ich dann allerdings doch etwas irritiert bin, ist bei der Fülle von Adressierungsmöglichkeiten. Lassen Sie mich nicht entscheiden, welchen Hinweis ich befolgen soll, sonst schwächen sich die Lesbarkeitshinweise gegenseitig ab. Und werfen Sie mir bitte nicht vor, ich hätte die Pragmatik Ihres Textes nicht verstanden. Ich verstehe sehr wohl, dass es sich bei Ihnen um ein sehr dringendes Anliegen handelt.

Immerhin müssten Sie diesen Text hier auch als Reaktion auf Ihre Mail verstehen, sodass ich doch ein wenig Trost finde in Ihrem Versprechen, dass Sie eine Reaktion schätzen. Ach, und wo ich Sie noch bitten wollte: Könnten Sie mir auf die Sprünge helfen, als welche Art von Hinweis ich die Fragezeichen mitten in den Wörtern klassifizieren soll?

Der Begriff Nachhaltigkeit

Der grosse Begriff der Nachhaltigkeit wird heute in einem Kommentar auf NZZ Online endlich mal wieder etwas differenzierter angeschaut. Keine Generalkritik am Begriff, der schwammig sei und ohnehin nichts bezeichne, wie das Begriffskritiker gerne tun.

Wen allerdings der Begriff interessiert, sollte Ulrich Grobers Buch: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit lesen. Eine sehr spannende Kulturgeschichte des Begriffs!

Linkeria #41: Markdown Blogs

In einer Zeit, in der alle in Datenbanken erfasst werden, gibt es eine neue Bewegung im Netz. Alle die ihr angehören möchten wieder lieber mit Dateien als mit Datenbanken arbeiten. Sie möchten die Kontrolle darüber haben, was mit ihren Daten passiert. Und viele möchten ihre Texte mit Markdown auszeichnen.

  • Konstatin hat mit Blogracer ein PHP-Skript geschrieben, das aus Markdown-Dateien einen Blog zusammenzimmert.
  • ben_ macht sich schon lange darüber Gedanken und hat mit einem ausführlichen Beitrag die Architektur eines CMS skizziert, das auf XML-Basis die Auslieferung der Homepage für verschiedene Zwecke ermöglicht.
  • Marcel denkt darüber nach, zu Scriptogram zu wechseln. Vorteile, die er sieht: Man konzentriert sich viel mehr auf die Texte.

Linkeria – 3 Links und Kürzestzusammenfassungen zu interessanten, visionären, relevanten und lesenswerten Texten und Internetseiten in unregelmässiger Folge.

Handpuppenlachen

Mit der Lektüre von Jonathan Safran Foers Eating Animals kommen einem die eigenen Tiergeschichten in den Sinn.[1]

Wir lachten über die Handpuppe, weil sie sagte, die Milch komme von der Kuh oder vom Bauernhof und nicht aus dem Laden. Wir haben so gelacht, weil wir gleichzeitig die weidenden Kühe gesehen haben.

Natürlich auch, weil wir die Erfahrungen vom Arbeiten auf dem Bauernhof gemacht haben. Die haben es da schon schön, haben wir damals gedacht, die Tiere. Die bekommen jeden Tag frisches Stroh eingestreut. Die kleinsten bekommen Milch, die grösseren eine Mischung, die man extra für sie herstellt. Wie spannend das war, auf dem Futtermischwagen mitzufahren: Da stellten wir ein für welche Box Futter gemischt werden soll. Dann fuhren wir zum Grassilo, wo es immer so eigenartig roch und wo es diese Gefahrentafeln gab. Dazu kam dann Mais, dann irgendein Pulver, Ersatz für irgendetwas, von dem wir nicht so genau wussten, was es eigentlich war.

Sobald die Ladung das Gewicht erreichte, piepste es. Dann begann die Mischerei. Alles musste eine Weile gemischt werden, damit es gleichmässig verteilt war, wie man ein Müesli beim Frühstück mischt. Wir fuhren dann mit der Maschine in den Stall hoch fuhren zur Box, die wir zuvor eingestellt hatten. Alle Boxen lagen an einer Reihe, die schwersten Munis kamen zuerst, die leichtesten zuletzt. Wir fuhren mit diesem Wägelchen hinein und entluden es. Wir beneideten die Tiere nicht, wie sie den ganzen Tag in dieser Box und auf dem kleinen Platz da draussen herumstehen müssen, bis sie ihr Wunschgewicht erreicht haben.

Wir freuten uns über die Schweinchen, die sich am Schulweg im Dreck suhlten. Manchmal wollten wir tauschen: Löcher graben, sich einbuddeln und den ganzen Tag faulenzen. Das kleine Schweinchenparadies. Nur wenn sie wieder auf die Waage mussten, fuhren wir schnell am Gehege vorbei. Da quietschten sie so unangenehm. Und wir waren so unheimlich aufgeregt. Wenn wir wieder am Gehege vorbeikamen, hatten alle farbige Markierungen. Nicht alle die gleichen: Die einen hatten einen gelben Strich, andere einen schwarzen. Und wenn wir dann nochmals an ihnen vorbeifuhren, waren sie weg.

Den Bezug zur Milch machten wir. Die kommt aus den Kühen raus, damit sie ihre Kälber tränken können. So wie uns erzählt wird, hätten wir von der Mutter getrunken. Darum lachten wir auch so, als sich die Bauchrednerpuppe über die Stadtkinder lustig machte, die nichts davon wissen sollen, was Milch ist. Sie haben doch auch mal so getrunken. Dass diese Kühe jedes Jahr ein Kalb gebären müssen, wussten aber auch wir nicht. Wir wussten nicht, dass Milch nicht einfach so fliesst, sondern etwas mit Hormonen zu tun hat. Oder wohin die Schweinchen fuhren, wenn sie plötzlich nicht mehr da waren. Oder was mit den Munis passierte, wenn sie verladen wurden.

 


[1] Safran Foer, Jonathan: Eating Animals. 2010.