Die schönste Stadt

So gemein aber auch: Im Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier kommt eine Szene mit Isfahan vor. Der Protagonist hätte nach Isfahan, der angeblich schönsten Stadt der Welt, gehen wollen, um da eine Stelle als Hauslehrer anzutreten. Er hat sich bereits ein Sprachlehrbuch gekauft, das ihm sein Vater bezahlte, aber entschied sich dann doch dagegen.

Das kommt mir wie eine Parallele zu meiner jetztigen Situation vor: Noch vor wenigen Wochen wartete ich aufs Visum. Am Freitag vor den iranischen Wahlen ist es dann gekommen, es sieht ganz schön aus mit diesen Buchstaben drin. Mein erstes Visum überhaupt, im frischen Pass, aber doch auf Seite 9 eingeklebt.

Die Freude war gross, die Reise eigentlich auch schon geplant. Und Isfahan war auch unter den Reisezielen, denn die Bilder sprechen für sich, selbst dann, wenn einem die Leute, die Bücher für die Reisevorbereitung ausgeliehen haben, meinten, dass die Farben in keiner Weise der Realität entsprächen.

Und dann diese Unregelmässigkeiten bei der Wahl, die ja offiziell keine waren. Jetzt wird die Reiseroute wohl oder übel geändert. Selbst wenn noch es noch ein guter Monat bis dahin ist, scheint die Lage noch immer unüberblickbar. Und wenn die politische Lage schon jetzt so instabil ist, soll man ja umplanen. Es gibt schliesslich noch genug andere schöne Flecken in der Welt. Und man kann sich ja die schönste Stadt der Welt auch noch für später aufsparen und währenddessen im Nachtzug nach Lissabon weiterlesen.

Taktile Tage

Da läuft man am Morgen einer Frau hinterher, die ganz – entgegen dem Trend – am Morgen die Natur taktil erfährt: Hier streichelt sie Gras, da sucht sie eine Lindenblüte auf der Strasse zusammen. Und dies während alle anderen ganz tiefsinnig ihre Telefontasten berühren.

Man könnte es auch selbst ausprobieren: Mit der Hand durchs Gras streifen und Telefontasten hinter sich lassen. Aber nein: das löst die Pollen, vor denen man ja in die Stadt geflüchtet ist. Oder Lindenblüten auflesen. Warum denn auch? – Man kann sie auch ganz einfach im Teebeutel bekommen, ohne dafür noch seinen Finger zu rühren.

Am Abend schaut man dann dem neuen Dirigenten zu, wie er seinen Taktstock schwingt, und hört ihn sogar atmen, genauso wie die erste Geige, vor der einem Angst und Bange wird: Beim Abbau der Spannung wirft er mit dem Geigenbogen wild um sich, als ob er das Publikum zur Geige machen wollte.

In der Zwischenzeit berührt man verschiedene Tastaturen, eingebaute, drahtlose, verkabelte und besonders ergonomische, um den letzten Takt des Wochenendes anzugeben, dessen Thema sein soll, dem Ende einen Anfang zu bereiten.

Die Stadt am Fluss

Städte an Flüssen sind anders als Städte, die nicht an Flüssen sind. Sie schmiegen sich in den Lauf des Flusses ein, der Alltag in solchen Städten versteht, dass ein Fluss nie derselbe Fluss sein kann. In solchen Städten erfasst man das Phänomen Zeit besser, weil man gleichsam mit dem Wasser die Zeit verrinnen sieht, fast so, wie wenn man dem Zeiger einer Uhr zuschauen würde, wie er beständig weiter will.

An gewissen Tagen sind in den Städten andere Flüsse zu Gast, das Tempo wird von aussen bestimmt: Züge aus allen Ländern, die man kennt, kommen an, jeder in seiner Geschwindigkeit, in seinem Rhythmus. Aus mysteriösen Zügen steigen Menschen, die sich alltäglich mit anderen Flüssen beschäftigen, und sich damit auskennen. Sie geben den Ortsansässigen Gastspiele, helfen dabei, die Moldau tausende von Kilometern weit zu transportieren. Sie helfen der Moldau dahin, wo sie aus eigener Kraft gar nie hingekommen wäre.

Dann kennen die Menschen in der Stadt plötzlich einen neuen Fluss, der den Staub aufwirbelt und Trommelfelle zum vibrieren bringt, lässt sie mit anderen Füssen durch die Stadt gehen und sie darüber nachdenken, was wäre, wenn der Fluss sich nicht so sorgfältig in die Stadt eingebettet hätte. Oder auch darüber, was wäre, wenn die Menschen aus den anderen Ländern einen Fluss mitgebracht hätten, der nicht in die Landschaft passt.

Dabei erinnern sie sich daran, dass an jenem Abend auch die Moldau  Anlaufschwierigkeiten hatten: Bis sich die Flöten und Geigen einig waren, in welcher Taktung sie den Fluss gehen lassen wollten. Dann aber, gelenkt durch die Ortskundigen fand man Wege, die – aus dem Applaus zu schliessen – lieber nie geendet hätten. Irgendwann sind alle Wasser vorüber.

Städte, Länder, Flüsse.

Waiting for Visa

Was gibt es Schöneres als Ferien zu planen? Reiseführer durchblättern, Orte auf Landkarten heraussuchen, Telefone machen und bei Bekannten, die schon im Nahen Osten waren, um Tipps fragen. Kurz nach der Abstimmung zu den neuen Pässen mit biometrischen Daten habe ich mir noch einen alten zugelegt; es wäre ja schade, den biometrischen Pass zu schreddern, wegen des Stempels, auf den ich warte.

Während des Wartens kann man ganz schön Zeitung lesen, die Wahlen verfolgen und hoffen, dass der Richtige fürs Land gewinnen wird. Man kann sich weiterhin Luftschlösser bauen oder schon einmal Zugfahrkarten bis nach Wien besorgen, wo man dann weiter nach Budapest, Belgrad und Istanbul weiterziehen möchte, um dem Ziel, Teheran, näher zu kommen. Zug um Zug.

In der Zwischenzeit muss man sich aber noch ein wenig in Geduld üben, wozu man aber kaum Zeit findet, weil noch Klausuren vorbereitet, Arbeiten an- und fertiggedacht werden wollen. Schon wieder ein Semester vorbei, schneller noch als die anderen, obwohl es zuerst gar nicht richtig starten wollte.

Metronom

Lesen hat viel mit Rhythmus zu tun: Die Augen schweben vom Rhythmus der Silben erfasst über die Wörter im Text. Auch Schreiben hat viel mit Rhythmus zu tun: Ist man nicht richtig rhythmisiert, so schärfte uns die Schreibmaschinenlehrerin ein, wollen die Anschläge nicht richtig gelingen.

Irgendwann setzt man sich gegen die Vorschläge seiner Lehrer durch, merkt, dass man viel schneller schreiben kann, wenn man nach Adler-Prinzip Buchstaben tippt also mit dem vorgeschlagenen System, das so gar nichts Freiheitliches an sich hat.

Für die Prüfung muss man sich dann doch ein Tempo angewöhnen und das erst noch mit zehn Fingern, damit man eine anständige Anzahl (z.B. 238) von Anschlägen in der Minute in die Maschine hämmern kann. Das Ziel natürlich immer vor Augen, die Schreiblehrerin zu übertrumpfen, die gern vordemonstriert, was sie auf dem Kasten [sic!] hat, während wir ab Band tippen: «Auf den Strich und zurück, auf den Strich und zurück». (Sie sei übrigens froh gebe es dieses neue Computer-Programm mit der wunderbar übertriebenen Intonation. In der Ausbildung hätte sie nämlich nächtelang geübt: «Auf den Strich und zurück, auf den Strich und zurück.»)

Und dann muss man wieder einmal lesen und tippen, wie es sich manchmal gehört. Gerade weil man viel über Erinnerung liest und schreibt, kommen einem die taktvollen Stunden in den Sinn und stellt fest, dass man mit einem Galeerenimitat tatsächlich rhytmischer lesen und schreiben könnte.