Stadtreinigung

Ob man es glaubt oder nicht, Städte werden gereinigt und gefegt. Nicht nur mit Wischfahrzeugen oder anderem Gefährt. Schläuche werden ausgelegt, in Gullis runtergelassen und wieder heraufgezogen. Während sie heraufkommen, sucht sich das Abwasser Wege. Es flieht vor dem Strahl sauberen Wassers, der hinterhereilt und in seiner Eile den Blütenstaub mit sich reisst.

Selbst der Himmel hilft mit: Von oben kommt Wasser, das die Zeitungen am Kiosk reinwäscht: Auch da wird der Zauber der Blüten abgewaschen. Die Allergiker, die sich eines der Exemplare reinziehen wollen, danken es vielleicht. Möglicherweise werden auch die Schreckensnachrichten durch das saure Wasser ein wenig süsser.

Manchmal riecht es von Desinfektionsmittel, an der Stelle, an der normalerweise ausgeleerter Alkohol verdunstet, Hunde herumtoben und Menschen in lebhafte Diskussionen um Zehnrappenstücke entbrennen. Es riecht dann so, wie wenn man sich nach dem Hallenbad die Füsse vollsprüht, damit keine Pilze spriessen.

An solchen Tagen ist das Pennerbänklein auch leer.

Spinnenhände

Sie tanzen auf Tasten umher, mal sehen sie aus wie Hände, dann wie Finger und zuletzt wie Spinnen: Sie knüpfen Netze aus Tönen, indem sie Akkorde miteinander verbinden. Die Zuschauer lassen sich fangen, von den Klängen betören, bevor sie sich zum Befreiungsschlag entschliessen. Noch bevor wieder Stille eingekehrt ist, klatschen sie sich frei, um einer kleinen Metamorphose beizuwohnen. Die virtuose Musik verwandelt die Spinnen in Schmetterlinge.

Das Leben, ein Tanz auf Spinnenhänden.

Buchstabenmenschen

Manchmal trifft man auf Leute, die sich mit Buchstaben auskennen. An den unterschiedlichsten Orten und zu verschiedenen Zeiten haben diese mit dem zu tun, was wie ein Fluch scheint. Die Beherrschung der Buchstaben setzt einen grossen Aufwand voraus. Sobald man sie aber beherrscht, beherrschen sie einen selbst: Liest man sie, kann man sie nicht mehr nicht lesen.

Obwohl alle gleich in ihrem Fluch, oder sei es auch ein Segen, gefangen sind, die sich auf das Abenteuer eingelassen haben, gehen sie unterschiedlich mit dem Gegenstand des Buchstabens um.

Eine liest Zeitungen von vorne nach hinten und von hinten nach vorne. Sie meditiert das Weltgeschehen des vergangenen Tages, setzt ihr Puzzle zusammen, ist informiert. Man kann sie fragen, was passiert ist, wenn man die Zeit nicht gefunden hat, die letzten Zeitungen zu lesen, wenn man der Zeit der Informationen hinterherhinkt.

Ein Anderer schreibt Zeitungen, liest sie aber nicht. Die Buchstaben würden ihn wahnsinnig machen, meint er. Er fragt sich, was es ihm nütze, wenn er wisse, dass der Reissack, der berühmte, umgefallen sei, gleichzeitig aber nicht wisse, wie es seiner – für sein Leben wichtigeren – Nachbarin gehe.

Dies muss denn wohl auch der Grund dafür sein, dass er seine Ferien lesend im Lichthof der Universität seiner Heimatstadt verbringt, mit den Menschen von da und überall spricht.

Ein wiederum Anderer macht sich einen Buchsommer, der jeden Sommer zu einem speziellen Sommer macht: Ein spezieller literarischer Text, links nach rechts oder umgekehrt gelesen, die Briefe und Essays dazu verleihen der warmen Zeit einen unverwechselbaren Charakter.

Chlorgebrabbel

Man kann an einer Station aus dem Zug aussteigen, an der man sich die Leute angucken kann, die Verantwortung tragen. Einer schleppt da den grösseren Bauch mit sich herum als der andere. Das muss wohl vom vielen Entscheiden kommen: Kaufen, verkaufen, behalten, eine Option auf den Kauf kaufen, die Option auf den Kauf verkaufen.

Sie haben ihre separate Tür, wenn sie aus dem Bahnhof hinaustreten wollen. An einer anderen Tür kann man an dieser Station auch Leute anschauen, die über diejenigen mit der Verantwortung Geschichten schreiben. Welten trennen diese beiden Spezies: Tropfen eines tosenden Gewässers.

An der selben Station steigen auch die Leute aus, die sich wie Fische fühlen wollen. Sie wechseln die Strassenseite, ignorieren mit Wohlwollen die Verantwortungsträger – man soll die schwer Tragenden nicht noch ärger belasten –, weil sie Wichtigeres zu tun haben.

Sie schwitzen unter Schwerstarbeit und merken nichts davon, weil sie im Wasser arbeiten. Das linke Bein hoch, dann das rechte, alles schön im Takt der Musik, die mehr von Vorgestern nicht sein könnte. Diejenigen, die sich nicht anleiten lassen von der Dame mit Turnschuhen, teilen sich in Schnelle und Langsame, indem sie Bahnen ziehen.

Kommen sie aus dem Gebäude, das eigens dazu gebaut wurde, Wasser zu enthalten, sehen sie alles in anderem Licht: Die Händler, die mit Unsichtbarem handeln, die Schreiberlinge, die im Glaskomplex sitzen, und die abertausend Wasserteilchen, die von oben nach unten fliessen.