Gelesen: Ein Leben mit dem Islam

Navid Kermani hat im vor fast zehn Jahren ein schönes Buch zu Nasr Hamid Abu Zaid herausgegeben: Ein Buch, das von einem Islamwissenschafter handelt, der einen besonders steinigen Weg zu gehen hat. Heute lehrt er an der Universität Leiden in den Niederlanden, nachdem er in Ägypten, seinem Geburtsland, nicht mehr lehren durfte und von seiner Frau zwangsgeschieden wurde.

In der Reihe «Der Islam und der Westen» der Zeit gibt es auch ein Interview mit Abu Zaid, wo er ausführt, weshalb der Koran als historischer Text gelesen werden soll: Als Text, der nicht von seinem historischen Entstehungskontext losgelöst gelesen werden kann. Eine Herangehensweise, die nicht jeden Muslim zu überzeugen vermag, weil die Offenbarungen im Koran schliesslich Gottes Wort sein sollen.

Parallelen muss man gar nicht lange suchen: Auch Gläubige anderer Religionen beharren darauf, dass ihre Glaubensgrundlagen, so sie denn geschriebene Texte sind, Einhauchungen der göttlichen Macht sind, wobei ganz einfach der Fakt der Tradition, also die Tatsache der Überlieferung, übersehen wird.

Das Buch über den Islamwissenschafter Nasr Hamid Abu Zaid ist sehr erfrischend zu lesen und zeigt einen Kontrapunkt zum Islam, der fast täglich in den westlichen Medien präsentiert wird. Kein Bild eines militanten Islams wird vertreten, denn der Protagonist ist selbst Opfer dieser Art des Islams; vielmehr ist es ein weltoffener Blick auf eine der drei Weltreligionen, die in Lessings «Nathan der Weise» eine Rolle spielen.

Das Buch: Navid Kermani (Hrsg.): Ein Leben mit dem Islam. Herder, Freiburg i. Br. u.a. 1999.

Semiotik: Weg aus dem Schilderwald

Noch zu Ostern verstand ich es eher als Witz, als ich sagte, dass sich in Italien innovative Semiotik entwickeln kann, weil niemand im Wald der Verkehrsschilder den richtigen Weg findet.

So sucht man den richtigen Eingang zum Bahnhof Termini, wenn man von der Seite von McDonald’s herkommt nur, wenn man zuerst durch einen Beauty-Laden hindurchgeht. Dies aber nicht unbedingt auf Anhieb, schliesslich will man den richtigen Weg nur dem eingeweihten offenbaren.

Chaos auf den Strassen Roms (und Fussgänger, die vor den Vatikanischen Museen in der Reihe stehen)
Chaos auf den Strassen Roms (und Fussgänger, die vor den Vatikanischen Museen in der Reihe stehen)

Mit etwas mehr Ernst sehe ich diese Sache nun, da ich das Einleitungskapitel zu Umberto Ecos «Eine Semiotik und Philosophie der Sprache» lese. Zwar musste ich auf den ersten Blick laut loslachen, aber die Erkenntnis beruhigt gleichzeitig wie sie beunruhigt: Auch Geisteswissenschaften können einen direkten Nutzen für den Endverbraucher haben.

Wo die Naturwissenschaften nicht nur rein technologische Zwecke, sondern auch manipulative Interessen haben: «Ebenso [wie die Kenntnis der Anatomie die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern kann, (Anm. C.N.)] kann die Beschreibung der inneren Logik der Verkehrszeichen einer öffentlichen Behörde Hinweise dafür geben, wie sie die Praxis der Straßenbeschilderung verbessern kann.» (S. 18)

Eines aber kann doch beruhigen: Eine solche Verbesserung der Umstände entsteht nicht als automatisches Nebenprodukt der wissenschaftlichen Forschung, sondern aus freier Entscheidung wie gleich darauf im Buch verhandelt wird.

Bibliografische Angaben: Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache, Fink, 1985 (= Supplemente 4).

Mehrkarteien-System

Umberto Eco ist bekanntlich nicht nur ein renommierter Schriftsteller, der sich mit «Der Name der Rose» weltweit einen Namen gemacht hat: Er ist auch in der Wissenschaft ein Name, mit dem sich Sprach- und Literaturwissenschaftler auseinander setzen, vor allem dann, wenn sie sich mit Semiotik beschäftigen.

In viel allgemeinerer Weise ist ein Buch Ecos im Umlauf, was auf Deutsch den Titel «Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt» trägt. Ein Buch, das einem nicht nur für die Abschlussarbeit nützt; man sollte sich dieses nette Büchlein am besten gleich am Anfang des Studiums zu Gemüte führen, schliesslich finden sich darin allgemeine Tipps zum richtigen Bibliografieren, der Organisation von Zusammenfassungen, Exzerpten und allerhand Dingen, die für den wissenschaftlichen Alltag von Belang sind.

Dies geschieht nicht auf oberschulmeisterliche Art und Weise, sondern in einem Ton, der sich angenehm liest. Statt eines Drohfingers zeigt das Buch bloss Beispiele auf, die sogar der naive Wissenschaftler, der sich mit Wissenschaft noch gar nicht auskennt, als lustig empfindet.

Eco plädiert in seinem Buch dafür, dass man sich mehrere Karteien anlegt, während man arbeitet: Eine Titel-Kartei, in der man alle Titel verzeichnet, die man suchen möchte und eine für Notizen. Ob und wie sich diese Aufteilung halten lässt mit den elektronischen Hilfsmitteln, die in der 4. Auflage, die ich gerade vor Augen habe, noch nicht wahnsinnig verbreitet waren, bleibt zu diskutieren oder in einer neueren Auflage nachzuschauen.

Bibliografische Angaben: Eco, Umberto: Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. 4. Auflage der deutschen Ausgabe, Heidelberg, 1991. (Seither sind schon unzählige Auflagen nachgedruckt worden.)

Orchideenwurzeln erdicken

Meine junge Orchidee, die ich erst neulich von der Mutterpflanze abgelöst und auf neues Substrat gepflanzt habe, wächst nicht nur prächtig; auch die Wurzeln werden von Tag zu Tag dicker. Ganz erstaunlich eigentlich, denn vor gut zwei Wochen waren die Wurzeln bloss Luftwurzeln.

Orchidee mit immer dickeren Wurzeln
Orchidee mit immer dickeren Wurzeln

Normalerweise heisst es ja, jemand wachse wie ein Welpe, ich muss das Sprichwort korrigieren: Es sollte viel eher heissen, dass jemand wie eine junge Orchidee wachse. Die Blätter sind im Vergleich mit der Vorwoche und den ersten Blättern, die so langsam aber sicher den Geist aufgeben, schon wieder prächtig gewachsen.

Langsam will der Topf als Ausbreitungsort nicht mehr genügen, die Blätter fangen bereits an, über den Rand hinauszuwachsen und den Topf bloss noch als Reservoir für die Wurzeln und Nährstoffe zu verwenden, die ja im Substrat noch in Hülle und Fülle bereit stehen.

Die Farbe der Pflanze wird immer kräftiger: Die grüne Farbe der Blätter erinnert mich mehr und mehr an den grünen Rasen in Irland, was allerdings nichts heissen will: Rot-Grün-Farbenblinden soll man im Urteil über grüne Farben nicht unbedingt trauen, schon gar nicht, wenn es subtile Farbunterschiede sind.

Während der Beobachtung des Wachstums bleibt die tägliche Freude über immer grössere Blätter, die nicht nur länger, sondern auch breiter werden und eine intensivere Farbe. Und was noch viel schöner ist: Die Vorfreude auf die ersten Blüten, die hoffentlich bald kommen werden, wenn die Mutterpflanze aufgehört haben wird zu blühen und umgetopft wird. (Sie hat dringend neues Substrat nötig, jedoch soll man Orchideen nicht umtopfen, während sie in der Blüte sind oder austreiben.)

Eine Orchidee wächst

Eine Woche ist sie jetzt abgenabelt von ihrer Mutter, vielleicht auch vom Vater, man weiss es nicht so genau bei der vegetativen Fortpflanzung. Und sie wächst und wächst.

Junge Orchidee von oben.
Junge Orchidee von oben.
Auch von der Seite guter Blickfang
Auch von der Seite guter Blickfang

Beim Abschneiden der «Leitung» von Mutter zu Tochter waren die Blätter noch ganz winzig, vielleicht fingerbreit lang. Auf der neuen Unterlage wachsen die Blätter so schnell, dass sie jetzt die Breite eines Daumens bekommen haben. Auch die Wurzeln entwickeln sich prächtig: Die einstigen Luftwurzeln sind dabei zu mutieren und verdicken sich zu Wurzeln, die dem Substrat Wasser und Nährstoffe abgreifen.

So steht die kleine Orchidee jetzt neben ihrem grossen Vorbild auf dem Tisch, wächst und wächst, ohne sich viel dabei zu denken. Was sollte sie auch, die Zellteilung und die Fotosynthese sind ja schon anstrengend genug!

Alt neben Jung
Alt neben Jung

Und so kann man nun nicht dem Gras zuhören wie es wächst, sondern nur das erstaunlich schnelle Wachstum der Orchidee bewundern. Bald schon wird es vielleicht wieder Zeit zur vegetativen Fortpflanzung, wenn es dann so aussieht wie vor einem Monat?

Die junge Orchidee noch abhängig: Am alten Stamm.
Die junge Orchidee noch abhängig: Am alten Stamm.