Wie riechen Buchstaben?

So schön es ist, Buchstaben von überall her zu lesen, so schön wäre es, etwas über die Gestalt der Buchstaben zu wissen. Zum Beispiel: wie die Buchstaben riechen.

Dieses Problem stellt sich dem Gedruckten vorerst nicht: Er weiss, welchen Geruch das Papier tragen wird, auf das seine Buchstaben gedruckt werden. Sogar Zeitungsschreiberlinge, die ihr Wort tagtäglich in Papier pressen lassen, kennen den ureigenen Geruch, der die Symbiose von Druckerschwärze und Zeitungspapier entwickeln wird. Und falls die Schreiberlinge tatsächlich so neugierig sind wie sie sonst glauben machen, dann beschnuppern sie ihre Zeitungsblätter und überprüfen sie auf Geschmacksrichtigkeit.

Wessen Buchstaben nur virtuell existieren, ja dessen Buchstaben im eigentlichen Sinne keine BUCHstaben sind, weil sie bloss in einer Datenbank ein festes Dasein fristen, der muss sich Gedanken darüber machen, wie seine Buchstaben wohl riechen könnten. Die Gedanken darüber führen aber vom eigentlichen Geruchssinn weg, denn plötzlich spielt es keine Rolle mehr, ob die Buchstaben nach Vanille riechen oder nach Burberry-Parfum, nach Zitrusduft oder Torfheizung. Mit einemmal Kreisen Gedanken auf weiteren Bahnen: Wenn man nicht einmal weiss, wie die Buchstaben riechen, wie soll man denn auch nur im entferntesten Sinne wissen können wie Worte verstanden werden, wenn sie einmal geschrieben sind und gelesen werden?

Wenn der eine Leser eine Vorliebe für Zitrusdüfte hat, wird er auch die Buchstaben anders lesen als die Leserin, die sich am liebsten mit Eukalyptus-Düften umgibt. Schliesslich haben die beiden einen anderen Prototyp unter dem Lieblingsduft abgelegt. So werden die beiden bestimmt auch ein anderes mentales Bild von einem Baum haben. Sieht man sich vor solch elementare Probleme gestellt, kommt es gar nicht mehr darauf an, wie denn die Buchstaben riechen, wenn sie gelesen werden. So flüchtig wie die Buchstaben über Bildschirme flimmern, so flüchtig sind auch die Gerüche, die auf dem gedruckten Papier einen Zwischenstopp eingelegt haben, bevor sie die Umgebung mit ihrem Duft beglücken.

Das Problem des Duftes und des Geruches ist also nicht wirklich ein Problem des Duftes oder des Geruches, sondern ein Problem, das viel elementarer in der menschlichen Wahrnehmung verwurzelt  ist. Soll man das für wahr halten, was man wahrnimmt? Vielleicht ist mit «Baum» ein anderer Baum gemeint als derjenige, den Sie bei der Lektüre des Wortes «Baum» vor sich gesehen haben?

So muss es Ihnen überlassen sein, welchen Baum Sie sehen, während Sie lesen, gleichermassen wie es Ihnen überlassen sein soll, mit welchem Hintergrundgeruch oder -duft Sie diese Zeilen gelesen haben. Ein angenehmer Duft soll Ihnen gegönnt sein.

Falls Sie es wissen wollen, bloss damit Sie sich den Umgebungsgeruch vorstellen können, der das Schreiben dieses kleinen Textes umgab: Der Rohentwurf dieses Beitrags entstand auf einem Papier mit toter Fliege.

A Point of Guinness, Please

Guinness ist einer der grössten Arbeitsgeber auf der grünen Insel. Das Gebräu aus den gerösteten Weizenkörnern schmeckt nicht nur gut, sondern lässt Busfahrer und allerhand andere Leute zu sprachlicher Variationskunst hinreissen, dass man gute Ohren braucht, damit man versteht, was denn die Sehenswürdigkeit, über die gerade gesprochen wird, ausmacht.

Nicht, dass die Busfahrer eine Pinte intus hätten, aber wenn sie aussprechen, wie man “a pint of Guinness” mit einem Bisschen Lokalkolorit auf der Zunge ordern solle, könnte man meinen, in einem Vokalparadies gelandet zu sein. Man könnte – so wie von den Festland-Schulen her gewöhnt aussprechen, oder aber so wie der eine Busfahrer es spricht “pint” genau gleich wie “point”, sind ja schliesslich nur Vokale, warum denn so genau sein?

Befänden wir uns in einem anderen Jahrhundert, würde man jetzt nach der Ursache für diese Sprechweise kommen und das mit irgendwelchen Tätigkeiten am Feierabend in Verbindung setzen. Anachronistischen Aktivitäten wollen wir uns hier jetzt aber nicht hingeben, aber entschuldigend darauf hinweisen, dass die Arbeitsplätze beim grössten Arbeitgeber gewahrt werden wollen, nicht wahr?

Für Touristen bietet die Guinness-Brauerei übrigens in Dublin eine geniale Sache. Auch wenn einem das dunkle Bier nicht schmeckt, ist das Guinness-Storehouse einen Ausflug wert, bei der Degustation muss man ja nicht gleich mitmachen. Die Aussicht nämlich, die einem im runden Turm geboten wird, ist einmalig. Man hat den Überblick über ganz Dublin, ein wunderbares Panorama, man überzeuge sich selbst an den Fotos.

Hier oben kann man sich auch davon überzeugen, dass es keine Rolle spielt, ob man nun Dublin oder Dablin prononciert, die Hauptsache ist schliesslich, dass die Stadt existiert. Und so kann man sich denn auch vorstellen, dass der Stephen aus A Portrait of The Artist as a Young Man folgenden Ausspruch von sich gibt:

“It was very big to think about everything and everywhere. Only God could do that. He tried to think what a big thought that must be; but he could only think of God. God was God’s name just as his name was Stephen. Dieu was the French for God and that was God’s name too; and when anyone prayed to God and said Dieu then God knew at once that it was a French person that was praying. But, thought there were different names for God in all the different languages in the world and God understood what all the people who prayed said in their different languages, still God remained always the same God and God’s real name was God.”

Joyce, James (2001): A Portrait of the Artist as a Young Man. Hertfordshire: Wordsworth Classics, P. 10.

Wetter Irland: Sind die wegen der Sonne gekommen?

Das Gesprächsthema, mit dem man als Irlandreisender prototypischerweise konfrontiert wird, ist das Wetter. Warum fragt man sich da gar nicht mehr, wenn man einen Reiseführer konsultiert hat, es wird einem eine Niederschlagsmenge prophezeit, da können Wüstenbewohner nur neidisch werden, wenn sie wieder einmal einer Fata Morgana aufgesessen sind.

Dass aber selbst Iren manchmal vom Thema Wetter nicht abzubringen sind, hat ein kleines Erlebnis auf den Aran Islands gezeigt. Ein Inselgrüppchen, das von jedem Touristenführer angepriesen wird, man habe da wunderbare Aussicht auf die Klippen am Festland und auch von den Bewohnern her seien die Inseln einzigartig. Jenes kann ruhigen Gewissens bejaht werden; von der Aussicht auf die Klippen war bei unserem Ausflug nichts zu spüren. Vielmehr war der Himmel bedeckt von Wolken, Nebel verdeckte die Sicht und ein fieser Wind Blies um die Ohren.

Umso lustiger mussten da die Menschen auf uns Wirken, nachdem wir das Stampfen und Rollen der Fähre hinter uns gebracht hatten (und glücklicherweise in unseren Wanderschuhen guten Stand hatten im Gegensatz zu den Schülerinnen, die mit Flipflops und Minirock aufs Boot gestiegen sind). Man mache sich aber von den Wellen selbst ein Bild in meinem ersten Youtube-Video.

Fähre zu den Aran Islands

Am Strand begegnet uns ein Ire, der – hartgesotten wie man es sich vorstellt – die Nacht auf seinem Segelboot verbracht hat. Der Wetterbericht habe erstaunlicherweise einmal gestimmt, nein, das Wetter sei noch schlimmer gewesen als angesagt. Und dann berichtet er über beide Backen und mit beiden Augen lächelnd, dass dieser Mann dort oben, der Richtung Hafenstrasse läuft, aus Barcelona sei. Mit seinen Kollegen sei er hierher gekommen und ihren Frauen. Dass dieser so schnell weggeht kann man fast nicht begreifen. “I suppose they didn’t just become because of the sun.”, lässt den feinen irischen Sarkasmus zu uns hinübergleiten, und sieht, wie schnell dem EU-Mitgenosse der Wind aus den Segeln genommen wurde.

Der Karteikasten im digitalen Zeitalter

Wer sich gelegentlich Zitate aus Gelesenem notiert und die Notizen gerne weiterverwenden möchte, stösst analog schnell an seine Grenzen. Gedanken zu Zettelkästen und digitalen Zettelkästen weitergedacht.

Elektronische Weichware statt brüchiges Papier

Wenn man sich doch gleich von Anfang an für eine Software begeistern und entscheiden könnte, hätte man am Schluss nicht die doppelte Arbeit. Zuerst hatte ich ja gedacht, dass ich Zitate beim Lesen auf physischen Zetteln sammeln würde. Da habe ich ja auch noch ein Plädoyer für das gute alte Papier geschrieben. Zurückziehen soll man solche Plädoyers nicht, denn sie haben immer noch einen Punkt, der nicht vernachlässigt werden will: Das Suchen und zufällige Finden eines Zettels, den man gar nicht gesucht hätte, indem man blättert, geht mit der elektronischen Verschlagwortung verloren. Ein Nachteil, den man wohl verschmerzen mag, wenn man die Vorteile eines elektronischen Zettelkastens sieht.

Digitaler Datensalat

Ein grosses Problem hat ein analoger, also papierner Zettelkasten, schnell einmal mit digitalen Daten, die sich auf unseren Festplatten in immer grösseren Mengen anhäufen: Hier ein Schnipsel eines Musikstücks als mp3, da ein Bild, das man elektronisch gefunden hat, dort ein Digitalisat eines Films, den man auf Youtube heruntergeladen hat, sprich ein Haufen an verschiedenen Formaten, die alle an einen Ort gepresst werden wollen. Bilder könnte man ja immerhin noch ausdrucken, solange sie Schwarz-Weiss sind, kein Problem in meinem Fall; sobald es aber farbige Bilder sind heisst es zum nächsten Copyshop rennen, denn der Laserdrucker vermag es nicht, farbige Bilder aus sich heraus zu zaubern.

Multimedial organisiert

Über Musikstücke soll man den händisch angelegten Zettelkasten gar nicht ausfragen, was soll der mit einem mp3-File anfangen? Der geübte Musikus könnte sich Akkordreihenfolgen notieren oder gar ganze Partituren vom gehörten Material anfertigen, aber wie denn solche Informationen in einen Index einarbeiten? Mit viel Phantasie würde man sich ein Ordnungssystem aneignen, das einem im nächsten Moment wie eine Unordnung vorkommt: Die Akkorde sind irgendwo aufgeschrieben, die Partituren irgendwo gelagert, bloss wo?

Litlink unter die Haube geschaut.

Screenshot: Litlink organisiert die Buchdaten, Exzerpte und Kommentare.

Elektronisch: Karteikasten für den kleinen Ordnungshelden

Und da sind wir denn auch schon beim springenden Punkt, der den Karteikasten aus dem Rennen ausscheiden lässt: der Index will fein-säuberlich nachgeführt sein, Stichworte kontrolliert und die Karten an der richtigen Stelle im System eingeordnet sein. Wer dabei nicht der grosse Ordnungsheld ist, hat das Spiel schnell verloren, wenn er denn eine einigermassen grosse Zahl an Zitaten beisammen hat. Dies natürlich auf Zetteln, die alle gleich aussehen, sich nur durch die Dinge unterscheiden lassen, die ins Papier eingeprägt sind. Kommt da mal etwas ein bisschen durcheinander, vertauscht beispielsweise Zettel 35/5a seinen Platz mit Zettel 27/3c und kommt ein Windstoss, der Zufallsgenerator spielt, so ist die ganze Arbeit schnell verloren oder ein grosser Stapel Arbeit wartet darauf, vollbracht zu werden: Eine Woche lang würde dann auf der Pendenzenliste stehen, dass der Karteikasten eine Sortierung benötige.

Automatische Sortierung und Bibliografie-Stile nach Strickmuster

Diese Sortierung übernimmt Litlink automatisch. Man braucht lediglich Schlagwörter anzugeben, kann Notizen und Zitate den Buch- und Personeneinträgen zuordnen, wobei diese miteinander verlinkt werden. Sucht man nun nach einem bestimmten Schlagwort, kann man immer noch auf zufällige Dinge stossen, recherchiert man gründlich in der Kartei, kann man sogar Gedanken finden, von denen man gar nicht mehr weiss, dass man sie je einmal gehabt hatte. Und der grösste Vorteil: Es lassen sich verschiedene Bibliografie-Stile einrichten, mit denen man die Ausgabe von Bibliografien automatisieren kann und je nach Anforderung anpassen kann, ohne mühsam jeden Eintrag manuell abzuändern.

Der steinige Weg zur digitalen Sammlung

Bis man allerdings alles in seiner digitalen Form hat, vergeht eine gewisse Zeit. Die Monografien, Sammelbände und Aufsätze wollen zuerst aus irgendeinem Bibliothekskatalog importiert und mit den eigenen Bemerkungen annotiert sein, dann erst hilft einem die Datenbank etwas. Funktioniert einmal alles, soll man von einer tollen Gedächtnisstütze profitieren können. Ganz nach dem Luhmannschen Zettelkasten, mit dem man sogar kommunizieren könne.

Literaturhinweise und Download-Links:

[1] Alte Gedanken zu Zettelkästen: 19.8.2007: Zettelkasten oder Tags?; 1.5.2008: Lieber Zettelkasten statt Tags.
[2] Lit-Link: Zettelkasten-System, das auf einer Filemaker-Datenbank basiert. Wird an der Universität Zürich entwickelt und stetig verbessert.
[3] Luhmann, Niklas (1992): Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. In: Derselbe: Universität als Milieu, Bielefeld: Haux, 53–61.

Wo sind die Paradiesvögel geblieben?

In der Kleinstadt ein Buch nachgefragt: «Haben Sie den Paradiesvogelschiss?» Was sollen wir haben? (Entsetzter Blick). Nein, also so etwas habe sie noch nie gehört, meint die Buchhändlerin. Den Aautor kenne sie auch nicht.

Nebenan liegen Flugblätter auf, die für Buchvielfalt einstehen und dabei die Aufmerksamkeit wegen der Buchpreisbindung auf sich lenkt. Und das in einer Bücherei, die nicht einmal Rühmkorf hat, dessen Sarg ja vor kurzer Zeit in allen Feuilletons herumgeschleppt worden ist.

Wenns die nicht haben,w ird man sicher bei einer anderen Handlung mit Büchern fündig. Dahin gegangen, wo man eigentlich von Anfang an gehen sollte, wenn man eine breite Palette braucht. Da ist ein Schild auf die offene Tür geklebt, das einem bedeutet, geduldig zu sein, der Laden sei geschlossen bis alle Bücher gezählt und inventiert sind.

Immer noch nicht locker gelassen, den Schiss des Paradiesvogels irgendwo zu finden. Den glorreichen Einfall gehabt, doch in die dritte mir bekannte Buchhandlung zu laufen. Die müsste doch bestimmt etwas haben, denn mit diesen Buchhändlern diskutierten auch geschätzte Leute, die man kennt.

Auch hier wird man von einem Schild an der Tür empfangen: Grosse Lettern zeigen an, dass der Laden geschlossen sei.

Wäre man gleich zu Beginn der Tour zu Hause geblieben, hätte man im Computer gesehen, dass die Auflage vergriffen sei, aber im Juli eine neue erscheie. Was soll man da noch sagen, ausser dass der Weg zum Paradies steinig ist?

Nicht einmal das kleinste Produkt, den Paradiesvogelschiss kann man bekommen. Auch dann nicht, wenn man bereit gewesen wäre, Geld dafür springen zu lassen. Was einem missgönnt geblieben wäre, wenn man bloss in den Computerbildschirm gestarrt hätte: der entsetzte Blick der Buchhändlerin wegen dem Paradiesvogelschiss.