Wecker gehen auf den Wecker

Eigentlich war der Gedanke einmal gewesen, jedes Mal beim Aufwachen an die schöne Pariser Zeit erinnert zu werden. Erinnerungen an die Schachspieler im öffentlichen Park, die der Hitze der Grossstadt einen Springer stehlen. Auch daran, wie man auf den Stühlen gesessen hat, die mit ihren abgeschnittenen Beinen richtig einladend wirken.

Dabei darf man den Aussicht nicht vergessen: die Kinder, die ihre kleinen Boote mit einem Holzstab angetrieben haben. Ein kleiner Schubs und die Boote schwimmen vom einen Ufer ans andere. Einwirkungen von aussen wie wenn ein Wind den Booten seine Kraft geliehen hätte.

Nach dem stundenlangen Zuschauen dann genug Energie gesammelt, um weitere Erkundungen der Stadt vorwärts zu treiben. Dabei immer wieder vorgestellt, wie man mit einem Stab geführt wird, vom einen ans andere Ufer.

Da kann man dann gar nichts dafür, wenn man plötzlich in einem Möbelhaus landet, wo man auch gar nicht anders kann als irgendwelche Espressotassen zu kaufen, die auf den Namen «Sylvie» hören. Während man dann nicht mehr weiss, ob man sie gekauft hat, weil die Tassen oder der Name schön war, aber trotzdem bereut, keinen Espresso zu trinken, kommen auch die Gedanken wieder, die den Kauf des Weckers im gleichen Kaufhaus veranlasst haben.

Hoffentlich funktionieren die Stecker, das eigene Süppchen in der Schweiz kocht ja auch auf anderen Steckdosen. Zu Hause entdecken, dass Suppen überall mit Wasser gekocht werden. Dabei schöner aufwachen, weil man die Boote mit im Bett hat.

Weil ein Aufwachen im Boot zu Beschwerden im Kreislaufsystem führen kann, auf die Erinnerungen verzichtet. Und so geht der Alarm, auch derjenige mit Pariser Herkunft, am morgen nur noch auf den Wecker, insbesondere dann, wenn statt Radio der richtige Alarm ausgelöst wird.

Grünende Hoffnung im Kinderwagen

Schon wieder im Wald spazieren gegangen. Da ist das Wetter viel erträglicher, die Spaziergänger dadurch auch. Nur sie, die eine Frau, die ihren Kinderwagen beim steilen Abstieg bremst, zieht ein Gesicht, wie man es noch nie gesehen hat.

Warum sie so schlecht gelaunt sein mag? – Nicht alles ist den Menschen vom Gesicht abzulesen, schon gar nicht, wenn Blickkontakt explizit verweigert wird, nur ja keinen Blick durch die Augen nach innen erlauben! Und auch wenn man gewillt ist, das Unerklärliche zu erklären, sollte man es mit Erklärungen von Gesichtern so halten wie es Zettel in Shakespeares Sommernachtstraum hält:

Zettel spricht:«[…] Ich habe ein äußerst rares Gesicht
gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht
über Menschenwitz, zu sagen, was es für
ein Traum war. Der Mensch ist nur ein
Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen
Traum auszulegen.» (4. Aufzug, 1. Szene)

Man wäre also ein Esel, zu erklären, was dieser Frau das Gesicht bei Temperaturen wie diesen einfrieren lässt. Polarsterne auf nackten Bäuchen werden es wohl nicht gewesen sein.

Viel schöner wäre es allerdings, wenn ihr Gesicht mit einem Lächeln darauf versteinern würde. Ein Lächeln, das für andere da ist, ein Lächeln, das weitererzählt werden will, und ein Lächeln, das der grünenden Hoffnung im Kinderwagen ein Fundament zu legen weiss.

So wie die Büste im Garten:

Ernstes Lächeln im Garten

Nackte Körper im Wald

Die Hitze scheint jetzt auch die Personen erreicht zu haben, die sich an alles gewöhnen.

Es gibt die erstaunlichsten Sachen zu sehen, wenn man sich auf einen Waldspaziergang begibt. Die üblichen Verdächtigen sind schnell ausgeschlossen: Die Waldarbeiter haben sich verzogen, Fuchs und Hase machen Sommerpause, die Rehlein machen Ferien ausserhalb des Waldes und tummeln sich auf den saftigen Wiesen der Bauern.

Saftig sieht denn auch das Fleisch aus, das durch den Wald spaziert. Mit hochrotem Kopf und einem Polarstern auf dem Bauch läuft es durch den Wald. Das Sternband umfängt den Bauch akkurat in der Mitte. Man würde gerne wissen, was die Pole am Äquator zu suchen haben, aber man soll Reisende nicht aufhalten.

Diesen Siebenmeilenstiefelläufer erst recht nicht, denn das Fleisch trieft, als ob man es anbraten würde, eine richtig saftige Angelegenheit. Dem Vorbeigehenden stellt sich nur die Frage, ob das Fleisch denn auch geniessbar sein wird.

So hastig muss es durch den Wald gehen, dass nicht einmal Begegnung möglich wird. Kein Gruss, auch kein Nicken. Kein Wunder: Nur totes Fleisch wird angebraten.

Muss man sich Sorgen machen?

Immer mal wieder kommt ein Besucher über Google auf diese Seite. Gar nichts Besonderes an sich, denn der grösste Teil der Besucher kommt beim ersten Mal über Google. Wenn Leute mit den Suchbegriffen «Körper abhärten» oder «Junge abhärten» auf die eigene Seite kommen, weil man einmal einen Artikel über Agota Kristofs Grand Cahier veröffentlicht hat, ist das doch ein bisschen unangenehm.

Was sind das für Leute, die sich abhärten wollen? Aus welchem Grund denn? Und vor allem: sollte man sich Sorgen um diese Leute machen? Leider gibt es keine Möglichkeit, auf irgendeine Art und Weise zu helfen. Man sieht nicht, um wen man sich Sorgen machen müsste; noch viel weniger sieht man, aus welchem Grund die Leute nach diesen Begriffen suchen. Und wer hat schon nicht irgendwann nach ganz komischen Dingen gesucht, weil man weiss, etwas gelesen zu haben, aber nicht mehr wo?

Vor einiger Zeit habe ich mit der Nuss darüber gesprochen, sie hatte einen prekäreren Fall, der sehr viel Traffic über die Suchmaschinen generierte. Einmal hatte sie nämlich die Effektivität von Selbstmord-Methoden diskutiert, die auch in Zeitungen stehen. Sie hat sich dafür entschieden, den Artikel vom Netz zu nehmen.

An diesen Gedanken schliessen ganz schnell einmal ziemlich grundsätzliche Diskussionen an, wie liberal man auf diesem Gebiet denken darf oder kann. Wie nimmt man Verantwortung gegenüber von Personen wahr, die bloss über Google auf einen einzelnen Blog-Beitrag gespült werden? Werden sich diese Leser im Blog umschauen und auch andere Artikel ansehen, bevor sie zum nächsten Resultat weiterklicken?

Als Blogger muss man darum bitten.

Krieg gegen sich selbst?

Ob Grossbritannien Krieg gegen sich selbst führe, fragt A. L. Kennedy pointiert. Dass es sich um einen geistigen Krieg handeln muss, der sich gegen den Abbau von Zugängen zur Kultur richtet und zur Wehr setzt, wird schnell klar.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt A. L. Kennedy, die soeben den 1. Internationalen Eifel-Literaturpreis entgegennehmen konnte, eine der wichtigsten Autorinnen der Gegenwart. Wenn ihre Bücher auch so reflektiert sind wie die Dankesrede für den Preis (die ich zu lesen jedem ans Herz lege!), scheint dies tatsächlich der Fall zu sein.

Ganz im Gegensatz zu meinem Entwurf der idealen Bibliothek, die im Wabenmuster aufgebaut ist, konstatiert die Literatin Erschreckendes: «Wir haben unser Bibliothekswesen zerstört, wir haben unsere eigenen Bücher entfernt, Gebäude geschlossen und Öffnungszeiten reduziert. Wir verbrennen keine Bücher, das nicht, aber wir lassen sie still und leise verschwinden.»

In Grossbritannien ist mit dem Wegfall der Buchpreisbindung auch im Buchhandel ein riesigies Problem entstanden, wie mir meine Buchhändlerin erklärte. Zwei Jahre nach der Aufhebung der Buchpreisbindung habe man noch nicht viel davon gespürt, aber jetzt, wo auch die Supermärkte eingestiegen sind, verdrängten Bestseller immer mehr die Auswahl vom Markt.

Eine Situation, die nicht wirklich einleuchten mag, denn gerade der Wettbewerb sollte doch, so das Wort der neoliberalen Wunderheiler der Marktwirtschaft, auch für mehr Vielfalt sorgen.

A. L. Kennedy bezieht auch klare Position zu diesem Thema, viel mehr aber betont sie auch, «dass Lesen etwas in sich hat, was, wie ich sagen würde, von Natur aus gut ist.» Ob Lesen gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Vielmehr bleibt darauf hinzuweisen, dass in der Schweiz die Buchpreisbindung im August zur Debatte stehen wird. Die Schweizer Buchhändler und Verleger versuchen momentan ihr Bestes dafür, damit sich die Buchvielfalt bewahren lässt. Bis zum August, wo definitiv entschieden werden wird, ob die Buchpreisbindung bleibt oder nicht, bleibt nur zu lesen.

Einige weiterführende Links zum Thema:

  1. Arbeitszimmer von A. L. Kennedy (sieht ein bisschen aus wie eine psychoanalytische Praxis)
  2. A. L. Kennedys Homepage
  3. Gekürzte Fassung der Dankensrede bei der FAZ
  4. Buchvielfalt bewahren.