Gottfried Kellers Briefe

Die Zentralbibliothek Zürich hat in ihrer Sammlung einen grossen Schatz gebunkert: Handschriften aus dem Mittelalter, einige der ersten Drucke (sogenannte Inkunabeln oder Wiegendrucke) und weitere kostbare Archivalien. Darunter befindet sich auch ein grosser Teil der Manuskripte und Briefe von Gottfried Keller, einem der wohl bekanntesten Zürcher.

Aber er ist nicht nur einer der bekanntesten Zürcher. Vielmehr hat er wohl Zürich mit der Eingangspassage des Grünen Heinrichs ein Gesicht in der Weltliteratur geschenkt. Wie kein anderer lässt er den Blick über die Stadt schwenken, eine der Städte mit Anschluss an einen See, und lässt den Leser an seinem Zürich teilhaben.

Sozusagen als Geschenk auf die andere Seite lagert die Zentralbibliothek nun einen grossen Teil der Briefwechsel Gottfried Kellers. Diese Briefe werden im Zuge der neuen Historisch-Kritischen-Keller-Ausgabe neu herausgegeben, ein grosser Teil wird dabei sogar zum ersten Mal herausgegeben und einem breiteren Publikum erschlossen. Nicht jeder kann schliesslich die Briefe in der Zentralbibliothek anschauen gehen.

Dass sich nicht jeder eine Historisch-Kritische-Keller-Ausgabe zu leisten vermag, versteht sich auch von selbst. Wer allerdings die Vorzüge des Internets zu nutzen weiss – und das wissen Leser dieser Zeilen wohl –, kann sich durch ausgewählte Schriften Kellers lesen. Ganz nach Lust und Laune den Grünen Heinrich in der ersten und zweiten Fassung parallel, damit man die Unterschiede festmachen kann, die Leute von Seldwyla oder gar Kleider machen Leute. Und natürlich die Briefe, die den langwierigen Entstehungsprozess des Grünen Heinrichs dokumentieren.

Wer gerne Kritzeleien entziffert, sollte sich unbedingt die «Kolossale Kritzelei» anschauen, wie sie Heinrich Lee veranstaltet. Und weil einen das Keller-Fieber so gepackt hat, gleich so angesteckt hat, doch gleich einmal den Grünen Heinrich, Grünen Henri oder Henri vert, wie er in Briefen an Hettner genannt wird, in einem Rutsch durchlesen. Dabei am besten nicht jammern über die Dicke des Buches, bzw. der Bücher, wenn man beide Fassungen lesen möchte, sondern durch die Sprache einlullen lassen und dem Grünen Heinrich durch die Jugendjahre folgen.

Bibliothek im Wabenmuster (überarbeitet) (130)

Wissensarchitektur nach dem Vorbild der Bienen

Die Idee schwirrt schon lange im Kopf herum: Es müsste doch möglich sein, eine wabenförmige Bibliothek zu bauen. In ihrer Form sind Bienenwaben nämlich äusserst gelungene Fabrikate. Ein sechseckiger Grundriss für eine jede Zelle, man stelle sich die vielfältigen Einrichtungsmöglichkeiten vor! In dieser nahezu perfekten Gestalt schmiegt sich Zelle an Zelle, in denen Larven aufgezogen, Honig und Pollen gelagert werden.

Das Modell, das uns die Bienen mit ihren Waben aufdrängen, sollten wir für die Organisation unseres Wissens genauer ansehen. An einem einzigen Ort werden die wichtigsten Aufgaben eines Bienenvolkes gelöst: Das Problem des Nachwuchses, die Versorgung mit Energie und die Möglichkeit, sich selbst weiterzuentwickeln. Der Nachwuchs ist schon von Anfang an mitgeplant: Die Bienen verbringen einen Grossteil ihres Lebens damit, ihren Nachwuchs zu füttern und aufzupäppeln, ganz darauf bedacht, ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Eine Gesellschaft, deren Rohstoff Wissen und Ausbildung ist, sollte – wie die Bienen – mit Nachdruck dafür sorgen, dass der Nachwuchs mit seinen Rohstoffen und mit seinen Aufgaben sozialisiert wird.

Honigsüsse Energie lagert in den Bienenwaben, welche die Voraussetzung jedes Bienenlebens darstellen. Lebenswichtig sind auch die ruhigen Stunden innerhalb der Bienenwaben. Es sind Stunden, in denen die Nachwuchs-Bienen angeleitet werden, bevor es in den geschäftigen Alltag geht: Hier ein Schlückchen Nektar, da auf der schönen Blüte noch kurz ausruhen, um wieder in die aktive Umgebung der Waben zurückzukehren.

Wer sich Wissen und Erfahrung aneignen will, soll einen Zugang dazu bekommen. Er soll sich von der Energie, die in den Waben gespeichert ist, ernähren und mit dieser Nahrung eine Grundlage für sein eigenes Leben schaffen. Eine Gesellschaft, in der Wissen eine wichtige, ja gar eine primäre Rolle spielt, sollte das honigsüsse Wissen mit der gleichen Sorgfalt behandeln wie die Bienen ihren Honig.

Der Erwerb von Wissen und von Fähigkeiten, sich selbst den Zugang zu allem Möglichen zu verschaffen gehört in einem solchen Umfeld dazu. So wie sich die Bienen gegenseitig helfen, eine neue Zelle innerhalb der Wabe zu erschaffen, sollte es dazu gehören, dass sich die Wissens(er)arbeiter gegenseitig unter die Arme greifen und in ihren Zielen unterstützen. Jeder sollte vom Honig der nächsten Zelle kosten dürfen, eine gegenseitige Anstachelung zu immer besserem Honig führen.

So skizziert sich die Idee der Bibliothek im Wabenmuster. Sie geht aber noch weiter, denn nicht nur die Möglichkeit der gegenseitigen Hilfe ist in dieser Bibliothek wichtig, sondern auch die Möglichkeit, sich aus sich selbst heraus zu erweitern. So wie die Bienen unermüdlich neue Zellen an die Waben anschliessen, um sich veränderten Bedingungen anzupassen, muss sich eine Bibliothek, die sich auch als Archivarin von zeitgenössischem Schaffen sieht, unentwegt den kulturellen Bedingungen anpassen. Sie soll dazu bereit sein, eine neue Zelle in das bestehende Wabenmuster einzubauen, auch dies wiederum in der gegenseitigen Hilfe.

Die Bibliothek im Wabenmuster müsste eine offene Stätte sein für alle Arten von Bienen, die sich innerhalb der Wabenwände wohlfühlen und am gemeinsamen Werk mitarbeiten wollen. Eine Werkstätte der gegenseitigen Hilfe, die jedes Individuum in seinen Projekten unterstützt. Ein Ort, an den es sich nach Höhenflügen zurückzukehren lohnt, weil die kommende Generation darauf wartet, aus den Startlöchern zu kommen und selbst zu Höhenflügen anzusetzen.

Auf, dass sie ausfliegen!

Die Seele ist…

Im Tösser Schwesternbuch soeben auf ein besonders schönes Zitat gestossen:

Die sel ist ain als gar gaistlich ding das man sy ze enkainen liplichen dingen aigenlich gelichen mag. Doch won du sin als ser begerest, so gib ich dir ain gelichus, by der du ain wenig verston macht wie ir form und ir gestalt was. Sy was ain sinwel schoenes und durchlúchtendes liecht, gelich der sunnen, und was ainer goltfarwen roeti, und was das selb liecht so gar unmas schoen und wunnenklich das ich es zuo núti gelichen kan. Won werint alle sternen die an dem himel stond, als gross und als schoen als die sunn, und glastind die alle in ain: der glantz aller moechte sich nit gelichen der schonhaitdie an miner sel was und dunkt mich das ain glantz von mir gieng der alle die welt erluchte, und ain wunneklicher tag wurde úber alles ertrich, und in disem liecht, das min sel was, sach ich Got wunneklich lúchten, als ain schoenes liecht lúchtet usser ainer schoene lúchtenden lucernen, und sach das er sich als ineklich und als guetlich zuo miner sel fuogt das er recht geainbart ward mit ir und sy mit im.[…]»

(Stagel, Elsbet: Das Leben der Schwestern zu Töß, hrsg. Ferdinand Vetter, 1906, S. 57–58.)

Wie gesagt, eine ganz schöne Beschreibung, die im Mittelalter entstanden ist. Vor allem natürlich auch, wenn man diese Vorstellung des Seelenlebens mit der heutigen, seelenlosen Vorstellung des Lebens vergleicht. Im Rahmen der Psychologie wird der Psyche (griech. ψυχή, heisst ebenfalls Seele), bloss noch die Funktion beigemessen, Probleme zu bereiten.

Es werden Medikamente entwickelt, die das Seelenleben, hier befindet man sich auf terminologischem Glatteis, wenn man nicht vom Psychenleben spricht, auf einen normalen Zustand eindämmt. Die Lösung aller Probleme: eine Pille mehr für das tägliche Leben schaltet die Seele aus. Die Seele passt nämlich nicht ins Konzept der Naturwissenschaften: Ein Relikt der mytholigschen Art, die Welt zu beschreiben, mit bösen Ritualen, für welche man einen Menschen heute für verrückt erklären würde.

Welches ist die richtigere Art der Beschreibung der Welt? Gibt es eine Weltformel, die alle Probleme der Menschheit löst? Oder sind es vielmehr Geschichten, die uns das Leben auf dem blauen Planeten plausibel erklären? Kann der Nicht-Spezialist die Weltformel verstehen? Oder wird es, falls es die Weltformel dann geben sollte nur noch Spezialisten geben – die Evolution löst ja schliesslich alle Probleme?

Ferngesteuert von Ausserirdischen (128)

Von Glück kann reden, wer des Nachts einen guten Schlaf findet. Nicht jeder findet gleich einfach den Schlaf, wird gestört durch Geräusche von der Aussenwelt oder sonstwie. Anscheinend gibt es auch die andere Sorte: diejenigen, die sich gar nicht beirren lassen wollen, selbst dann nicht, wenn Ausserirdische die Kontrolle über einen ergreifen.

Als heissen Tipp habe ich diese Woche den Pixar Film Lifted empfohlen bekommen. Ein Kurzfilm, der sich in der Tube anschauen lässt. Wie so oft bei den Pixar-Kurzfilmen muss man einfach lachen. Ich erinnere mich an den Film mit den liebenswürdigen Greisen, die Schach spielen. Ob es den auch in der Tube gibt (Hinweise hierzu werden dankend angenommen!)?

Wer virtuos mit Schaltbrettern umzugehen weiss, hat grosse Chancen, im nächsten Leben als Ausserirdischer auf die Welt zu kommen. Vielleicht kann er dann den Menschen das ein oder andere zurückzahlen, was sie ihm angetan…

Was Wiki weiss (127)

Auseinandersetzungen mit Namen können erhellend sein. Mit wem teilt man seinen Namen? Wer hört auf die gleiche Lautkombination wie man selbst? Manchmal sind Namen ab dem ersten Moment verbindend, weil man sich merken kann, zu welchem Gesicht der eigene Name auch noch gehört.

Narzisstisch veranlagt wie man ist, möchte man Bilder ansehen, die den eigenen Namen tragen. Manchmal tippt man den eigenen Namen, so peinlich wie es scheinen mag in die Maschine ein. Man tippt in eine Maschine, die alles zu wissen scheint, den eigenen Namen zu kennen vorgibt und einem den Spiegel der eigenen Identität vorhält.

Bei Wiki lernt man beispielsweise, dass unter dem eigenen Vornamen auch noch unzählige Mitglieder der Claudier gemeint waren, marginalisiert den Eindruck, einen eigenständigen Namen zu haben. Auch die Listung von Bischöfen oder gar römischen Kaisern.

Die deutsche Übersetzung des lateinischen Adjektivs claudius anschaunend, bringt Dinge ans Tageslicht, die man nie entdeckt hätte, wenn es die liebe Wiki nicht gegeben hätte: Ein Hinkender oder Lahmer sei man und erst noch ein Verschlossener. Ich bin schon fast daran, ins Wasser zu fallen, das mir Spiegel ist. Vielleicht wäre Konzentration auf sich selbst viel besser als sich einen Spiegel vorzuhalten, der demokratisch zusammengesetzt eine Meinung zu einem Namen zeigt, der zwar für die eigene Identität wichtig, aber nicht bezeichnend zu sein scheint.

Manchmal wird man gegrüsst mit Namen, die nicht die offiziellen sind und ist damit vielleicht besser bedient. Und noch besser ist man bedient, wenn man nicht dauernd das Gefühl hat, man müsse bei sozialen Netzwerken seine Identität aufpolieren. Viel besser, wenn man erst gar keine zweite Identität hat. Eine reicht im Normalfall aus, wird sogar als Normalfall angesehen.