In eigener Sache: Neue Kleider für den Frühling (126)

Die Leserinnen und Leser, die auf dieser Seite vorbeischauen, bekommen die Inhalte in einem neuen Kleid präsentiert. Wie man sich für den Frühling frische Kleider sucht, damit die wärmeren Temperaturen einem gut bekommen, hat dieser Blog neue Kleider gesucht – und beim upstartblogger gefunden. Zum Glück, darf man meinen, denn seit Gottfried Keller machen ja Kleider schliesslich Leute (und in diesem Sinne Designs auch Blogs).

Wer die ganze Geschichte von Gottfried Keller lesen mag, kann sich die aktuelle Ausgabe des Kulturmagazins  «Du» kaufen. Die komplette Erzählung ist eben darin abgedruckt und ist komplettiert mit anderen Beiträgen zum Thema «Das Kleid».

Wer lieber am Bildschirm liest, kann die neu edierte (historisch-kritische) Fassung von «Kleider machen Leute» auch parallel mit Kommentar im Internet bestaunen.

Wir Leser (125)

Wir tun es jeden Tag, nehmen dabei nicht einmal mehr war, was wir tun: Wir lesen Buchstaben, reihen Wörter, Phrasen und Sätze aneinander und wundern uns nicht einmal darüber, warum eigentlich? Sie tun es in eben diesem Moment auch.

Sobald der Sprung einmal geschafft ist, lesen wir ohne Mühe. Es ist vom Sprung der Alphabetisierung die Rede, die einem so viele Tore öffnet, die ganze Welten entstehen lässt, wenn man den Schilderungen erfahrener Leser, die vom Glück erzählen, das sie erleben, seit sie lesen, Glauben schenkt.

Dass der Weg zu diesem Glück nicht ganz so einfach ist, erleben immer wieder Menschen, denen das Geheimnis hinter den Buchstaben verschlossen bleibt, weil sie nicht in genügendem Mass an die Schriftkultur gewöhnt wurden. Ein schwieriges Befangen, denn wie soll man sich in einem Datendschungel wie dem Internet zurechtfinden können, wenn man nicht die Macht über die Zeichen inne hat?

Wenn wir uns zurückerinnern, ganz gleich, nach was für einem System man auch immer an die Buchstaben gewöhnt worden sein mag, musste man eine Verbindung zwischen dem abstrakten Bildchen und dem Laut, der dahinter stecken soll, herstellen. Dass hinter einem A auch tatsächlich der Buchstabe des Affen stehen soll und nicht derjenige des Nilpferds. Im Schulzimmer war – so entnehme ich es meiner Erinnerung – oben an der Wandtafel ein Alphabet abgebildet, das waren diese komischen Bildchen, und unterhalb ein Bildchen von einem Äffchen oder sonst bekannten Gegenstand.

Wir vertrauten der Lehrerin, und liessen uns in diese geheimnisverheissende Welt einführen, die uns einen Schritt näher zu den Erwachsenen bringen würde. Wir schrieben uns die Finger wund, bis wir die Buchstaben in perfekter Form vor uns stehen sahen. Dann sollten wir uns auch merken, welcher Laut dazu gehörte.

Aber bei dem, was das Lesen ist, waren wir da noch nicht angekommen, denn was nützt es, wenn man die einzelnen Buchstaben schreiben und erkennen kann? Ein Buchstabe kommt nämlich äusserst selten allein. Lautes Vorlesen wurde deshalb auch immer wieder geübt. Nicht so, dass wir zuerst leise vorbuchstabieren sollten, sondern gerade beim ersten Mal laut vorlesen! Damit man sich in der Schule nicht blamierte vor denen, die sowieso schon seit dem Kindergarten den Weg in die Schrift gefunden hatten, las man zu Hause umso mehr.

Laut vorlesend und über die Ohren das aufnehmend, was auf dem Blatt stand, konnte man einen Sinn sich erschliessen aus dem, was man da vor sich hin buchstabierte. Aber das klang so fremd, denn wo sprach man denn so, wie man las? Das, was uns als «Hochdeutsch» verkauft wurde, ein zusätzliches Mysterium, brachte uns in zusätzliche Schwierigkeiten, aber machte das Lesen wohl noch spannender.

Wenn man heute versuchen würde, Buchstaben nicht zu lesen, sondern sie bloss als Bild anzusehen, den Wörtern nicht zu folgen, sondern eine abstrakte Bildkomposition darin zu sehen, muss man dies zuerst erlernen. Buchstaben nicht mehr lesen zu können, wenn man einmal in das Geheimnis der Buchstabenkrämerei eingeführt wurde, soll fast unmöglich sein. Vielleicht ein so schwieriger Weg wie das Erlernen des Lesens selbst.

#29: Sitzen neben Unbekannten (124)

Plötzlich sitzt man neben jemandem, der nicht weiss, dass man sich in der Duden-Lektüre beim Eintrag zu Abbrand befindet, und fängt aus unerklärlichen Gründen an, miteinander zu kommunizieren. Unfreiwillig der eine, mit allem Enthusiasmus der andere.

Er habe eben den Bruder des Kurhausdirektors von D. gesehen, und er habe es nicht einmal bemerkt, bis jemand ihn mit dem Namen angesprochen habe. Es wäre doch so schön, sich einmal in diesem Kurhaus abbrausen zu lassen. Der Service sei erstklassig, habe er gehört.

Eigentlich wäre einem zumute, dieses Gespräch abzubrechen, weiss aber nicht wie. Allzu unhöflich möchte man ja nicht wirken, vielleicht wird man ja selbst einmal Bruder des Direktors eines Kurhauses in D. Da wäre es ja schön, wenn sich Leute erfreuen würden und in ein fast kindliches Lachen ausbrechen, dass sie die Ehre hatten, diesen Bruder zu sehen.

Der Abbruch des Blickkontaktes vermag nicht, den Redefluss des Gegenübers abzubremsen. Auch die gänzliche Abwendung führt nicht dazu, die Tirade übers Internet, bei der wir nämlich zu diesem Zeitpunkt angelangt sind, in eine Abbremsung zu überführen.

Also doch nochmals hinwenden zu diesem beneidenswert hartnäckigen Gesprächspartner und ihm klar machen, dass man eigentlich gar nicht wegen ihm, sondern wegen dem Redner da vorne gekommen sei. Wie aber bringt man das zustande, ohne das gegenüber innerlich ganz abbrennen zu lassen? Vielleicht eine Abbreviation verwenden, die er nicht verstehen würde? Zum Beispiel rofl, lol oder etwas in diese Richtung? – Zu gefährlich, die Abbreviatur lol könnte dieser Internet-Oppositionelle als Löli deuten. Dies würde ihn aber vielleicht davon abbringen, ständig Laute von sich zu geben?

EM allerseits (123)

In Zürich steht schon seit langer Zeit am Hauptbahnhof eine Tafel, die einem fast leid tun müsste, wenn wann nicht wüsste, dass dies ihr Job ist: Sie zählt rückwärts. Und zwar die Minuten, die Stunden und Tage, man war gnädig mit der lieben Uhr, dass sie nicht auch noch die Sekunden im Rücklauf anzuzeigen hat.

Gleicherorts werden die Bahngäste auf den Perrons mit wunderhübschen Plakaten empfangen, welche die Vorfreude auf die EM vergrössern soll. Die Schweiz wird auf die EM eingestimmt. Jeder Bürger und jede Bürgerin hat sich auf das sportliche Grossereignis zu freuen, es sei eine Chance für die Schweiz als Gastgeberland, hört man allerseits.

Grosse Enttäuschung war bei den einen deshalb auch zu vernehmen, als die UBS Arena in Winterthur von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern gottlob nicht goutiert wurde. Den Beizerinnen und Beizern gehe so massenhaft Umsatz verloren, schliesslich würden dann alle nach Zürich gehen, um sich das Riesenspektakel anzusehen, denn da gebe es einen Stadtpräsidenten, der sich für den Fussball einsetze.

Um eine andere Zeit an einem anderen Ort, gerade von einem schönen Wochenende aus Frankreich zurückgekehrt, noch kurz einen Abstecher bei McDonalds machend, um eine der Toiletten zu benutzen. Nichts Schlimmes dabei denkend und aus hygienischen Gründen das Pissoir benutzend, wird man aus den schönen Erinnerungen an die schönen Tage in Sarko-Land auf den Boden der Realität oder vielmehr auf den Rasen der Realität zurückgeholt. Da darf man doch tatsächlich lesen, dass die Schweizer Nationalmannschaft bestimmt gewinnen werde, wenn jeder Spieler so gut treffe wie der Benutzer der Steh-Toilette. Die Pfützen auf dem Boden hat ausser mir wohl niemand gesehen?

Nochmals andere Zeit und noch ein anderer Ort, wieder mal aus hygienischen Gründen ein Steh-WC benutzend, entdeckt man noch ein tolles Stickerchen, das an der Porzellanschüssel angebracht ist. Ein Hologramm (wohl als Zielrichtung gedacht), offenbart beim Nasswerden einen Ball, der vor dem EM-Fieber noch nicht da war.

Wo kann man dem Massenereignis noch entkommen? Die Verbindung von Fussball und Toilette, ein Vorzeichen, das man sich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen müsste? Oder gar Fussball als Kloaken-Produkt?

Zur Beruhigung: Das soll mein erster und letzter Beitrag zur Fussbal-EM 2008 bleiben.

#28: Abblasen einer wichtigen Reise (122)

Bei allzu wüstem Wetter sollte man gewisse Dinge einfach abblasen. Während der Schulzeit war jeweils die Telefonnummer 1600 gefragt, wo Lehrerinnen und Lehrer auf ein Bändchen sprachen, ob ein Sporttag stattfinden werde oder nicht. Unglaublich teuer waren diese Telefonate auf das Bändchen, denn bis man endlich bei der richtigen Schule angelangt war, durfte man sich zuerst anhören, dass in einem Schulhaus eines Bergdörfchens im Wallis ein Sporttag durchgeführt werde, weil das Wetter so schön sei und dieser Sporttag beginne um 13 Uhr wie abgemacht im Turntenü.

Die Zeit dieses Telefondienstes ist wohl so gezählt wie diejenige des Zeitansage-Telefonbeantworters. Mit Internetzeit hat heute wohl jeder genauere Uhren als man sie je gestellt bekam, währenddem die Zeitansagerin noch Sekunden zählte, bis sie den Piepston abschickte. Der Telefondienst wird vielleicht allmählich durch Email-Massensendungen abgelöst oder auch weiterhin beibehalten.

Dass jemand keinen Computer hat, wird da so wenig nützen wie damals im 1997 als die Familie des Klassenkameraden keinen Telefonapparat hatte. Entschuldigt werden sie wohl dadurch, dass beim Haus, in dem sie wohnten, schon die Farbe total abgeblasst war. Wenn man genug genau hinguckte, konnte man sehen, dass sie stellenweise sogar abblätterte.

Bei Sporttagen oder Schulreisen waren die Mitglieder immer auf ein Buschtelefon angewiesen, denn an Gebüsch waren sie wiederum reich. Rund ums Haus wurden Bohnenstangen in den Boden gerammt, damit sich die Familie während des Winters von Bohnen ernähren könne. Nicht nur zu diesem Zweck waren die Bohnen während des Sommers wunderbar. Auch wenn ein Autofahrer, obwohl mitten im Dorf, vergessen hätte, abzublenden, also das Abblendlicht zu verwenden statt der Scheinwerfer, wäre diese Familie nicht geblendet worden.

Ob der Junge mal bei Regen an eine Schulreise gegangen ist, weil er die Nummer 1600 nicht direkt hören konnte? – Ob er einen Schaden erlitten hat, weil er die Zeitansage nicht abhören konnte, und so nicht in den Genuss einer Zeitmaschine kam. Vielleicht blitzt er jetzt bei anderen Dominas, wer will, kann hier auch dominae lesen, ab, weil er sich nicht lange hat überlegen können, was er dem Fräulein auf der anderen Seite sagen würde, wenn sie denn aus dem Telefonhörer herausstiege?

Auf jeden Fall weiss er jetzt, wie man damit umgeht, wenn man hinter den sieben Büschen lebt und im Regen, mutterseelenallein auf die Schulreise gehen will. Und was es braucht, damit man die anderen abblocken kann, wenn sie ihm erzählen, dass trotz des schönen Wetters die Schulreise am 1. April nicht stattfindet, weil das Wetter zu schön sei und man dann das gelbe Regenmäntelchen nicht brauchen könnte. Oder die Pelerine. Und das nach fauligen Eiern riechende Haarshampoo.