Geflickt und aufgesprochen (62)

Die Tasche ist zurück, es kann endlich wieder Freitag werden. Die Ecken wurden richtig gut geflickt, ich hätte nicht gedacht, dass es so kleine Spuren geben wird. Die Dres. Taschenärzte gehen weniger mit roher Gewalt daran als diejenigen, die am Kiefer rumwerkeln. Von der Schwellung ist an der Tasche nicht viel zu sehen: ein paar Stellen, die noch mehr an Lilien erinnern als die anderen, ansonsten scheint die Operation «Eckenflicken» genauso wie die Operation «Schnallenflicken» planmässig abgelaufen zu sein.

Weniger planmässig geht ein Telefongespräch vor sich, wenn ein Anrufbeantworter dazwischen geschaltet wird. Statt der erwarteten zeitlichen Unmittelbarkeit interveniert plötzlich ein Gerät, das teilweise versucht, den Gesprächscharakter aufrecht zu erhalten, anderseits aber dies eben durch die zeitliche Distanz verunmöglichen. Das Seminar «Fernmündlichkeit» fördert immer wieder interessante kommunikative Eigenheiten von medialem Sprechen zutage.

So haben wir am Material auch gesehen oder vielmehr gehört, dass der automatische Anrufbeantworter eigentlich ziemlich absurd ist:

guete obig frau *? da isch * vo de * ZÜRI. frau * – si händ mich=äh geschter versuecht zerrEIche=ich bin=äh abwesend gsi (.) äh jetzt han ichs=äh probiert– (.) leider erfOlgslos‘ ).= äh si chöne mich gern uf de telfonnumere 043 (*) erreiche. beschte dank und=äh schöne obig no.

* Aus Gründen der Diskretion wurden Namen ausgespart.

Ein «Gespräch», das kein eigentliches Gespräch ist, aber dennoch einige Charakteristiken eines Gesprächs trägt. Kommunikation, die nur zeigt, dass man zu einem Gespräch bereit gewesen wäre, aber leider keines zustande gekommen ist. Und erst noch Widerspruch in sich: Der Mann hat nicht erfolglos «probiert», schliesslich kommuniziert er im gleichen Moment mit dem automatischen Beantworter.

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Foto: Asmythie, nach Creative Commons lizenziert.

Brauchen wir Beantworter überhaupt noch im Zeitalter der Rufnummernanzeige? Ist der soziale Nutzen des Zeigens, dass man an den anderen gedacht hat und «probiert» hat so gross, dass Anrufbeantworterkommunikation nicht vom Email abgelöst wird?

Für Analysen zu Problemen der Anrufbeantworterkommunikation möge man Knirsch konsultieren. Er hat seiner Dissertation ein Korpus von rund 400 Transkripten beigefügt.

Rainer Knirsch (2005): ‹Sprechen Sie nach dem Piep›. Kommunikation über Anrufbeantworter. Eine Gesprächsanalytische Untersuchung, Tübingen, Niemeyer. (= RGL 260)

PS: Dies erscheint hier, weil man – nebenbei bemerkt – Anrufbeantworterkommunikation auch herrlich unter textlinguistischen Merkmalen analysieren kann. Durch die Dekontextualisierung (vor allem zeitlich, aber auch örtlich), werden deiktische Mittel in einigen Situationen zum komischen Element.

Parallel: Gamen und Erzählen (61)

Schon das Beispiel Claude Cueni, der das Präventions-Computerspiel «Catch The Sperm» für das Bundesamt für Gesundheit erfunden hat, zeigt eine gewisse Parallele zwischen dem Erzählen und der Kreation eines Computerspiels. Nicht dass die Episoden von «Catch The Sperm» sich durch wahnsinnige Plots charakterisieren würden, aber sie haben eben Plots. Claude Cueni verdient auch Geld als Schriftsteller, dass die Plots (und vielleicht auch der Stil) da besser sind als bei «Catch The Sperm», will ich hoffen. Die Bücher sind meistens ziemlich wuchtig.

Neuerdings wird mit Martin Ganteföhr ein Beispiel eines Computerspiel-Designers vorgeführt, der sich auf die Kunst des Narrativen im Computerspiel versteht. Es werden regelrecht Geschichten erzählt, wenn man dem Bericht der Telepolis Glauben schenkt. Von traditionellen Game-Heften werden Spiele wie «Overclocked» allerdings nicht allzu positiv bewertet, da sie sich anscheinend zu sehr auf die technische Umsetzung eines Computerspiels fixieren.

Ganteföhr kommt von der strukturalistischen Literaturwissenschaft her und hat sich mit Mythen beschäftigt. Er sieht Computerspiele viel mehr in einem Kontext der Gesamtkultur als durch eine rein technische Brille. Er meint sogar, dass die fotorealistischen Charaktere dem Computerspiel nicht unbedingt zuträglich sei, schliesslich wolle der Spieler auch seine eigene Phantasie mit einbringen.

Mit der Vorstellungskraft und Phantasie hat wohl das narrative Computerspiel Parallelen zur Erzählung oder gar zum Text als solches: Der Rezipient muss sich aktiv betätigen, damit das Spiel bzw. die Erzählung fortschreiten kann. Dies sei auch gleich die Schwierigkeit, meint Ganteföhr im Telepolis-Interview: «Die Wirkung eines ernsten Spiels entfaltet sich oft erst nach Stunden, und während derer darf man den Spieler nicht verlieren.»

Von der grünen Fee und Sontga Margriata

Eine andere Sicht der Mythen als diejenige von Dannie mit dem Swiss Myth zeigt das Schweizer Fernsehen mit ihrer Produktion «Mysteriöse Schweiz». Sie ist weniger der politischen Vereinnahmung der Sagenwelt als vielmehr dem kulturellen Aspekt der Sagenwelt verpflichtet.

In dieser Serie von dreizehn Geschichten werden Sagen, Mythen und Geschichten erzählt, die mit verschiedenen Orten der Schweiz verbunden sind. Oft handelt es sich um Geschichten mit Feen und anderen sagenumwobenen Wesen, die Einfluss auf die Bewohner oder Besucher dieser Orte auswirken sollen.

Teilweise werden sie gar geschildert als magische Wesen, die Gegenstände bewegen können oder gar Gerüche ausbreiten, die den Tod eines Gemeindemitglieds ankündigen.

Die dreizehn Kurzsendungen zum Thema der Mythen, des Mystischen und der Sagen versucht, verschiedene Regionen der Schweiz mit ihren Kameras aufzudecken. So macht die Kamera nicht halt vor der Sontga Margriata, einer Alpengöttin, die in einem uralten rätoromanischen Lied besungen wird oder der grünen Fee, die im neuenburgischen Val-de-Travers auftaucht, wenn Absinth mit Absinthlöffel und Würfelzucker genossen wird, was auch der Anreiz für die Schwarzbrennerei gewesen sei.

Die Sendung kann auch als Podcast abonniert und heruntergeladen werden.

Bologna-Barriere (59)

Dass Bologna mit Punkten einhergeht, wissen die meisten, diejenigen Studierenden, die nach dem «alten» System studieren, zeigen wenig Verständnis für die Sammlerei. Man darf sich bissige Kommentare anhören, wann es denn eine Punkte-Aktion wie bei Migros oder Coop mit deren jeweiligen Punktesammel-Karten gebe.

Das geht ja noch. Und als einer, der unter dem régime de Bologne studiert, stören diese kreativen Kommentare von älteren Studierenden gar nicht mehr. Auch die Professoren scheinen sich langsam aber sicher an dieses neuartige System zu gewöhnen und schiessen nicht mehr mit Kanonen auf die armen Bologna-Spatzen im ersten Semester, schliesslich können die Spatzen am allerwenigsten für diese Reform und deren Umsetzung. Für die Umsetzung sind diejenigen, die an den Kanonen stehen grösstenteils selbst verantwortlich.

Was mir aber seit diesem Wochenende erst richtig bewusst wird, ist die Barriere, die zwischen dem Bachelor und dem Master aufgebaut wird. Für Studiengänge an der Philosophischen Fakultät, wo man nicht ein Fach zu 180 Punkten für den Bachelor belegt, sondern gleichzeitig Haupt- und Nebenfächer studiert, scheint der Bachelor-Abschluss nicht nur Vorteile zu haben.Man wird überall gefragt, was man denn überhaupt nach einem geisteswissenschaftlichen Studium machen könne.

Da wird es wohl wenig Leute geben, die sich ernsthaft überlegen, nach dem Bachelor für immer aufhören zu studieren. Auch die Mobilität, die im Rahmen der Bologna-Programme so gerühmt wird, scheint eher erschwert zu werden als vereinfacht, denn wer gedacht hat, dass man an der Universität Zürich gleich viele Punkte für die gleichen Module bekommt wie an der Universität Bern, hat sich getäuscht. Inwiefern Module wirklich angerechnet werden können, wird sich erst noch zeigen müssen.

Dass die Mobilität vereinfacht wurde, scheint wohl eher zuzutreffen für das Studium der verschiedenen Stufen: Bachelor in Zürich, Master in Amerika und die Titel werden gegenseitig anerkannt, um zu einem PhD-Studium zugelassen zu werden.Zwischen den verschiedenen Stufen von Bachelor und Master wurde vielmehr auch eine Barriere geschaffen, die Flexibilität nimmt: Während man im «alten» System mit den Hauptfächern schon das Hauptstudium aufnehmen konnte und mit den Nebenfächern noch im Grundstudium stecken konnte, funktioniert das mit den Stufen von Bachelor und Master nicht mehr. Wer zur Masterstufe zugelassen werden möchte, braucht einen Abschluss als Bachelor. Dafür braucht es abgeschlossene Haupt- und Nebenfächer… Wer also nicht die 30 Punkte pro Semester (um in 3 Jahren den Bachelor zu bekommen) oder mit der Nebenfachwahl nicht zufrieden ist und dann die Entscheidung trifft, diese Nebenfächer zu wechseln, kann in eine Sackgasse kommen: In den Nebenfächern muss man nur noch wenige Sachen machen, die keine dreissig Punkte für das Semester geben, mit dem Hauptfach kann man nicht weitermachen, um dann Punkte zu sammeln.

Der einzige Ausweg bleibt wohl, während der nächsten Italienreise wirklich einmal in Bologna auszusteigen und den Platz anzuschauen, an dem man zu solch bürokratischen Entscheidungen fähig wird. Ein Architekt im Zug von Florenz meinte, die Stadt sei ganz ansehlich. Und also Bologna-Student sollte man die älteste Universität Europas, an der solche Pläne geschmiedet werden, schon kennen.

Ausserdem: Trost spendet da, dass die Liz-Prüfungen die Kandidatinnen und Kanditaten wohl auch vor ziemlich grosse administrative Berge stellen.

Fäden ab, Leder an. (58)

Während die unnötigen Fäden, die von der Entfernung gewisser Zähne zeugten, entfernt wurden und der Mund sich wieder wie eine wirkliche Öffnung zur Aufnahme lebensnotwendiger Objekte verhält, wartet ein anderer Teil meines Besitzes darauf, Fäden spendiert zu bekomen.

Die Rede ist von meiner heiss geliebten Tasche, schön zum Wochentag passend, leider aber an den Ecken der Blachen ausfransend und von der jahrelangen Transporttätigkeit zeugend. Zuerst im Einsatz bei den Helfern der Globalisierung, Waren schützend, die bereits einen langen Weg zurückgelegt haben, Stürmen auf dem offenen Meer standgehalten und selbst die strengen Kontrollen am Hafen Basels passiert.

Eben diese schützenden Blachen, sind zu diesem Zeitpunkt Opfer und gleichzeitig Objekt einer Revision. Nicht nur die ausfransenden Ecken der Blachen, auch die Schnallen des Gurtes wollen erneuert werden. Denn diese haben besonders gelitten unter dem Druck der Bücher und zahlreichen Strapazen des Velo-, Pendler- und Touristenlebens.

Kurzerhand musste ein Ersatz her. Ein Ersatz, der nicht wirklich ersetzt, nachdem auch schon provisorische Ersatzmöglichkeiten gefunden wurden: Durchsichtige Plastiksäcke, die den gläsernen Bürger zur Realität machen. Oder Taschen von Laptops, die gleichsam unansehlich wie praktisch sind und deshalb den Zugsalltag nicht überleben wollen. Den Dienst will die andere, sich in Revision befindende, Tasche nach erfolgtem Telefon und fachgerechter Abholung wieder aufnehmen, in reduziertem Ausmass, das versteht sich von selbst, und nur noch, wenn viele Bücher und stromfressende Bücher transportbedürftig werden. Sonst helfen ab jetzt Tanten und Onkel mit Luc dabei, die wichtigste Habe von A nach B zu bringen.

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Bild: © Aunts & Uncles

Mit Büchern ist es diesem Wunderding aus Leder auch richtig wohl ums Herz. Schliesslich durfte es heute schon einmal zuschauen dabei, wie ein bestelltes Büchlein vor lauter Blätterrascheln nicht mehr gefunden wurde. Aber verständlich ist es natürlich, wie hätte man auch dieses einzelne Büchlein unter den vielen anderen gelben mit der spezifischen RUB-Nummer finden sollen? Wegen des keifenden Ehepaars, das sich darin dem Leser zur Schau stellt und eigentlich genug laut hätte rufen können? In diesem Laden hatte es wohl zu viele keifende Ehepaare, die mitkommen wollten.

Es war ja gar nicht so dringend. Schliesslich tut es nur gut, noch ein bisschen länger allein unter dem Zauberberg begraben zu liegen. Und Joseph Roths Russlandreise wartet auch noch dieses Wochenende. Das keifende Ehepaar kann also warten, bis es genug laut schreit und sich genug dreist anlügt.