Eingefleischt

Am Radio mit halbem Ohr zugehört, wie jemand von Religionen gesprochen hat. Er erzählt, dass es plötzlich der Wunsch des Geistes geworden sei, auch Material zu werden, denn am Anfang sei alles geistig gewesen. Statt von Inkarnation oder Fleischwerdung hat er dann von Einfleischung gesprochen.

Zuerst herrschte Verwunderung über dieses Wort. Dann fand ich es schön, weil es so wunderbar materialistisch klang, und so den Prozess viel eher wiedergeben konnte: Ein-fleischung und Ein-Fleischung.

Schlussendlich dieses synaptische Klicken bei einfleischen: Ein direkter Verweis zum Text von Stifter, über den ich gerade arbeite, eine Erzählung, die von einem Granitblock umrahmt ist, deshalb wohl «Granit» heisst, und in der Studienfassung noch «Die Pechbrenner» betitelt war. Und eigentlich sind es ja auch gleich zwei Erzählungen in einer, denn der Grossvater beruhigt seinen Enkel mit einer Binnenerzählung von seinem Pech (in beiden Sinnen).

Nun aber zum synaptischen Klicken, zum eigentlichen Ursprung des Traumas, das durch die Pechgeschichte entsteht: «Was hat denn dieser heillose eingefleischte Sohn heute für Dinge an sich?» (S. 22) Und natürlich: Es ist Pech, was dieser Sohn an seinen Füssen hat.

Literatur: Stifter, Adalbert: Granit. In: Derselbe: Bunte Steine (hrsg. von Helmut Bachmaier). Stuttgart: Reclam, 1994.

Bibliothek für Blogs

In dieser Spalte ging es schon das eine oder andere Mal um Bibliotheken. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie eine ideale Bibliothek aussehen könnte, beispielsweise so wie Bienenwaben. Waben haben mathematisch gesehen eine ideale Oberflächenstruktur, habe ich mir sagen lassen, nachdem ich den Artikel geschrieben hatte.

Aber das sind ja alles Altlasten. Heute soll hier ein Projekt genannt sein, das hohes Zukunftspotenzial führt: Die Blogbibliothek, lanciert von Thinkabout und Yoda, die beide Blogs als Orte (oder Nichtorte) für gute Texte fördern wollen.

Dabei sammeln sie Texte und Blogs, die man gerne liest, und die sich nicht «Bloggen übers Bloggen» auf die Fahne geschrieben haben. Die Bibliothek von Yoda und Thinkabout soll Perlen im grossen Blogmeer finden, gleichzeitig natürlich auch Lesern die Perlen schmackhaft machen.

In einer ruhigen Minute findet man so in der Blogbibliothek interessante und vor allem lesenswerte Texte, die man bei gezieltem Suchen vielleicht nicht gefunden hätte, weil auch Texte vertreten sind, die in den Google-Resultaten nicht an prominentester Stelle erscheinen.

Und es kommt noch besser: Wer selbst lesenswerte Blogs und gute Texte aus Blogs gefunden hat, die er in der Bibliothek verewigen will, kann selbst Vorschläge an das Redaktionsteam der Bibliothek schicken. So mehren sich die Perlen im eigenen Kästchen. Ach ja, und natürlich führen die beiden einen Blogbibliothek-Blog.

Königsberg ver-rückt

Der Name, den man prototypischerweise mit Königsberg in Verbindung bringt, ist kein anderer als derjenige Immanuel Kants. Den Namen, den man mit den Kritiken verknüpft, und dann natürlich noch mit dem Gerücht, dass derjenige, der den Namen trägt, zeit seines Lebens nicht aus Königsberg herausgekommen sein soll.

Thomas Bernhard schickt Kant auf eine Amerikareise. Und das mit einem Schiff, wo sich See- und Sehkranke treffen, alle mit dem gemeinsamen Ziel. Die Figuren dürfen wiederholen und variieren, ganz nach dem Prinzip, dass Variation erfreut.

Und was ersieht man an Bernhards Kant? – Variationskunst ist ver-rückte Kunst, da wird aus einer Millionärin eine Millionärrin; Königsberg verortet sich nicht nur im heutigen Russland, sondern ist gerade da, wo Kant auch ist, im Stück also auf dem Weg nach Amerika. Denn Kant bringt Amerika die Vernunft, Amerika gibt Kant das Augenlicht, so einfach die Formel als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.

Es ist ein ver-rücktes Stück, dem das Zitat «… es soll nicht heißen, daß man im Theater Leben darstellen soll…» von Antonin Artaud vorangestellt ist. Da bleibt nur noch die Frage, was sich im Theater dann darstellt, wenn man auf der Bühne nicht das Leben Kants mimt (was man ja derzeit am Pfauen ja macht).

Das Stück findet sich in: Thomas Bernhard: Immanuel Kant. In: Derselbe: Stücke 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988 (= Suhrkamp Taschenbuch 1534).

Im Glaskästchen

Einer vom Pennerbänklein erzählt, dass da in diesem Glaskästchen jeden Tag eine Frau drinsitze. Sie warte, bis jemand komme und sage, was er wolle, worauf sie tue, was er wolle, und er ihr Geld dafür überreiche. Manchmal sitze die Frau auch einfach nur in ihrem Glaskästchen und warte, aber niemand kommt; und dann erbarme es ihn jeweils schon, ihn, der auf dem Pennerbänklein sitze. Aber, das erzählte er auch noch, einer, der auf dem Pennerbänklein sitzt, habe andere Sorgen als einen zu spielen, der etwas wolle, es dann von der Frau im Glaskästchen bekomme, um sie zu bezahlen.

Und heute, im Vorbeigehen, sass niemand mehr auf dem Bänklein, nur noch die Frau im Glas.

Selbst die Mäuse

Zum wiederholten Mal steht man am Bahnhof, der vor drei Jahren irgendein Bahnhof war, dann aber zum wichtigsten Umsteigebahnhof wurde, wie überhaupt vorher Bahnhöfe einfach Bahnhöfe waren, ausser dem grossen in der Stadt, wo man den Leuten winken durfte, wenn sie in die Ferien gingen oder wenn man selbst einen Ausflug machte.

Nun ist ja eben dieser Bahnhof, an dem die Mäuse sitzen, mitten in den Gleisen zwischen abgebrannten Zigaretten, nicht mehr irgendein Bahnhof, seit die Distanzen nicht mehr ohne Weiteres mit dem Velo zu machen sind. Diese Mäuse geben dem Bahnhof ein lebendiges Gesicht. Sonst wäre es nur ein Ort des Durchgangs, an dem sich Leute darüber aufregen, dass schon wieder mit gelber Farbe eine Verspätung von 4 Minuten angezeigt wird.

Und so kommt man jeden Tag in den Genuss eines Mäuseanblicks, obwohl man sich nicht vorstellen kann, wie diese Geschöpfe es zwischen den Gleisen und den noch brennenden Kippen aushalten, dass sie sich gar vom Anblick der Menschen, die da oben ein- und aussteigen, vereinzelt auch hinuntersteigen, ein Leben machen können.

Das alles ganz im Gegensatz zu den Mäusen, die sich eigentlich auf den Schreibtischen tummeln müssten, weil sie an elektronenspeienden Geräten angeschlossen sind, aber nur im Laden herumliegen, weil niemand sich ihrer erbarmen wollte.

Denn das spüren die Mäuse: Die Leute müssen sparen bei den Mäusen. Jeden Krümel Brot müssen sie verwerten, jedes noch so kleine Stücklein. Und wovon sollen sie leben? Das weiss bald keiner der beiden mehr: Die Mäuse nicht, weil sie nicht wissen, wann der nächste kommt, der ein Stücklein Brot hinunterwirft; die Menschen nicht, weil sie nicht wissen, wann jemand die nächste Maus kaufen wird.

Alles eine Frage der logischen Technik.