Papierne Existenz

«Sie können Sich nicht ausweisen? Bitte füllen Sie das Formular aus. Wir telefonieren, dann stellt sich heraus, ob es Sie gibt.» Im nächsten Moment drückt der Kontrolleur seinem Opfer das Blöcklein mit den Möglichkeiten Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer und Unterschrift in die Hand. Es gibt keine Vorschläge, wie es sein Formular ausfüllen könnte. Nur eine Einschränkung, ganz am Schluss, mit der es bestätigt, dass die Angaben der Richtigkeit und Wirklichkeit entsprächen.

Am Telefon krächzt der andere das Geburtsdatum in den Zugraum: «Fünfzehnter Siebter Neunzehnachtundachtzig. Normannstanne, Orangenblüte, Tamiflu, Zahnpaste.»

«Sie gibt es wirklich.»

Linkeria #16: Notieren (Woche 51, 2009)

  • «Pro Tag schaffe ich maximal 10 Dinge»: Harald Martensteins Leben in Form von blauen Karteikarten. Hellblau, bitte.
  • Rosenbaum Note-Taking Method: «I find that it actually fixes everything in my mind in a way that the reporting process does not. I think it’s because you have to do a little extra mental work to distill your material into a word or two for the index.»
  • On Keeping a Journal: Ein Klassiker. Paul Saffo reist nacht Florenz, Kyoto und Peking für seine Notizbücher, wenn es ihm nicht nach Moleskine ist.

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Linguistik tötet

«Endlich lerne ich, wie man isst, ohne zu kleckern», dachte ich, als ich neulich im Bus neben zwei jungen Türkinnen sass. Die eine mit Kopftuch, die andere mit Kebab in der Hand. Wir haben es während der Kantizeit Mittag für Mittag geübt, dieses in Fladenbrot gerollte Fleisch mit köstlicher Sauce und «mit wenig Scharf» zu essen. Die Aufgabe der Zwiebelringe ist es, aus dem Kebab herauszufallen, diejenige der Sauce, die Hosenbeine zu schmücken.

Mehrere Stationen schaute ich zu, wie die Frau mit Kebab ihre Hände geschickt um den Kebab legte, um so Zwiebeln und Sauce zu bändigen. Sie beherrschte das Fleisch mit allen feinmotorischen Tricks. Finger um Finger isst sie sich dem Kebab entlang. Nur kleine  schmierige Reste lässt sie der Alufolie übrig.

Da beginnen sie zu schwatzen. Man horcht auf, versteht immer wieder Versatzstücke. Code-Switching denkt der linguistische Hirnbereich, schon gehört im Zusammenhang mit italienischen Migranten. Es wird immer gerade die Sprache verwendet, in der sich etwas am besten ausdrücken lässt. «Jupe» sagen sie auf Schweizerdeutsch, um dann auf Türkisch weiterzufahren.

Der Beobachter mischt sich ins Gespräch ein: «Macht ihr das bewusst, dass ihr die Sprache wechselt?» – «Weisst du, wenn du beide Sprachen gut kannst, passiert das automatisch.» Die Frau nebenan, die das Gespräch auch belauscht hat, lacht mit ihren Lippen. Schweigen.

Linguistik tötet Gespräche. Und beim Ausziehen war Sauce auf dem Schuh.

Linkeria #15: Welt fassen (Woche 50, 2009)

  • The Skill of Emplotment or the Rise of Storytellers: Komplexität in Geschichten erzählen. Gedanken über Geschichten in immer komplexeren Welten.
  • Dürfen Fernreisen sein? – Ilija Trojanow, Sabine Minninger und Harald Zeiss, diskutieren bei der Zeit übers Reisen. Wer darf wie reisen?
  • Die Schreibengel: Miriam Meckel über Lesen und Schreiben, Gedanken und Erinnerungen. «Wenn Advent schon etwas mit Ankommen zu tun hat, dann könnten es doch auch ein paar Schreibengel sein, die in den kommenden Tagen und Wochen sanft und leise bei uns landen und unsere Gedanken anstupsen.» [via: Blogbibliothek]

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Linkeria #14: Create And Understand (Woche 49, 2009)

  • On Work: Gedanken zu Arbeit: «‹Work› can mean toil or slog, but it can also mean creation, opus, oeuvre
  • East vs. West: Inder Devdutt Pattanik über verschiedene Welten. Und darüber, verschiedene Welten verstehen zu wollen: «The World» und «My World», Logos und Mythos.
  • Ein Gespenst geht um in der Schweiz. Das Gespenst heisst Eidenbenz: Eidenbenz herrscht in der Schweiz. Ein Essay von Charles Lewinsky, der sogar Köppel attackiert. «Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten.»

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